Tagblatt Online, 18. Mai 2012 06:39:00
Kritik vom Bodensee am Bundesrat
ARBON. Anwohnerinnen und Anwohner der Seelinie warten auf Massnahmen gegen den Bahnlärm. Es sei inakzeptabel, dass der Bundesrat die ausländischen Güterzüge erst bis 2020 zur Sanierung zwingen wolle, kritisiert jetzt die IG Seelinie.
MARC HALTINER
Immer wieder hatten die Thurgauer in Bern Druck gemacht. Jetzt will der Bundesrat auch tatsächlich aktiv werden. Er sieht eine Reihe von Massnahmen vor, um den Bahnlärm weiter einzudämmen (siehe Kasten). «Grundsätzlich begrüsse ich es, dass der Bundesrat handeln will», stellt der zuständige Regierungsrat Kaspar Schläpfer denn auch fest. Es brauche weitere Massnahmen, um die Anwohnerinnen und Anwohner der Seelinie vor dem ungeliebten Bahnlärm zu schützen, insbesondere auch nachts.
Ein zentraler Punkt sind die Lärmgrenzwerte für Güterzüge. Zwar haben die SBB ihre Wagen weitgehend saniert, wie Schläpfer und SVP-Kantonsrat Andrea Vonlanthen, der Sprecher der IG Seelinie, anerkennen. Die ausländischen Güterzüge fahren aber immer noch mit den berüchtigten Grauguss-Bremssohlen auf der Seelinie, entsprechend gross ist der Lärm. «90 Prozent der Güterzüge am Obersee kommen weiterhin aus Deutschland», sagt Vonlanthen.
«Klar zu lange Frist»
Vor diesem Hintergrund stösst ihm ein zentraler Vorschlag des Bundesrates sauer auf. Dieser schlägt vor, die neuen Lärmgrenzwerte für Güterwagen bis 2020 in Kraft zu setzen. Diese Frist von acht Jahren sei zu kurz, heisst es bereits bei ausländischen Gesellschaften. Doch Vonlanthen meint das Gegenteil. Für die Betroffenen an der Seelinie sei die Frist bis 2020 klar zu lang. «Das ist inakzeptabel, zumal die SBB ihre Sanierung längst durchgeführt haben.» Die IG Seelinie verlangt, dass sich die ausländischen Güterzüge spätestens 2018 an die neuen Lärmgrenzwerte halten müssen. Wagen mit Grauguss-Bremssohlen dürften dann nicht mehr auf dem Schweizer Schienennetz verkehren. Vonlanthen kann sich auch eine noch kürzere Frist vorstellen.
Die Thurgauer Regierung wird offiziell zur Vernehmlassungsvorlage des Bundesrates Stellung beziehen. Doch Volkswirtschaftsdirektor Schläpfer verhehlt nicht, dass er mit der Frist bis 2020 ebenso wenig glücklich ist wie die IG. «Der Bundesrat muss sich ernsthaft überlegen, die Frist zu verkürzen, wenn dies machbar ist.» 2016 wäre für Schläpfer ein mögliches Jahr, um die neuen Grenzwerte in Kraft zu setzen.
Mit Hochdruck für einen Malus
Falls der Bundesrat allerdings bei der Frist bis 2020 bleiben sollte, müsse er eine andere Massnahme treffen, die der Thurgau seit Monaten fordert. Schläpfer wie Vonlanthen pochen auf ein Bonus-Malus-System für Bahngesellschaften. Wer lärmintensive Güterzüge fahren lässt, soll in Zukunft wesentlich höhere Preise für die Benützung des Bahntrassees zahlen. Allerdings zeigt Bern bislang wenig Begeisterung für dieses Anliegen. Der Bundesrat müsse sich die deutsche Regierung zum Vorbild nehmen, sagt Vonlanthen. Deutschland mache in Sachen Fluglärm massiven Druck. Gleiches müsse die Schweiz in Sachen Bahnlärm tun.
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Kommentare lesen
Lissi (23. Mai 2012, 16:33)
bahnlaerm
so wenig moechten die anwohner im urnerland oder bei rotkreuz auch einmal haben.laerm ist immer subjektiv.autolaem produzieren wir alle,aber kaum jemand motzt darueber.wir fliegen alle,aber bitte den fluglaerm nicht bei uns.als leben wir nach dem st.floriansprinzip,alles haben,aber nicht auf unsere kosten.
Beitrag kommentierencroc (18. Mai 2012, 09:24)
Wenn zwei dasselbe tun...
Habe weder mit Fluglärm noch mit Bahnlärm zu kämpfen. Doch im gegenseitigen Einvernehmen sollten hüben wie drüben Anpassungen vorgenommen werden. Im Gespräch und nicht mit Indianer- und Rickligeschrei...
Beitrag kommentierendeich (18. Mai 2012, 09:11)
Grauguss
SVP-Vonlanthen hat parteikonform - Rickli! - wiedermal "die Deutschen" im Visier. Dieses Mal sind es die "Grauguss-Bremssohlen". Grundsätzlich gilt, dass es erfreulich ist, auf der Seelinie Güterbetrieb zu haben, also auf einer Strecke, die noch nicht vor allzu langer Zeit einem Dornröschenschlaf anheim zu fallen drohte. Dass in den vergangenen 10-20-30 Jahren immer mehr Häuser ausgerechnet an die Bahnlinie gebaut wurden (und der Trend geht weiter!), deren Bewohner nun mit dem Lärm hadern, ist eine andere Tatsache. Wenn die Güterzüge besonders nachts fahren, so ist das international üblich, sind doch dann die Strecken für Transporte freier als tagsüber, wie man weiss. Der BR hat nun ein Programm aufgelegt, das die Spitzen des Lärms etwas stutzen sollte. Lärmfrei wird eine Bahnlinie nie werden, auch nicht am Tage. Mit einem Bonus-Malus-System verhindert man dagegen keinen Lärm! Auch nicht mit Zwang - nur mit direkten Verhandlungen.
Beitrag kommentierenschwizer (19. Mai 2012, 12:37)
Die Schweizer Weichei...
...Politiker haben nicht das Rueckgrat in Deutschland vorzusprechen! "Deich" hat recht - Dass in den vergangenen 10-20-30 Jahren immer mehr Häuser ausgerechnet an die Bahnlinie gebaut wurden (und der Trend geht weiter!), deren Bewohner nun mit dem Lärm hadern, ist eine andere Tatsache.
Beitrag kommentierenstargate (18. Mai 2012, 08:21)
Die Deutschen...
...haben es doch auch fertig gebracht, dass der Floghafen Zürich seine An- und Abflugrouten und Flugzeiten ändern musste, weil der Lärm in der Region Waldshut zu laut war. Jetzt könnte doch die Schweiz in diesem Punkt ganz ähnlich vorgehen. Aber dazu fehlt wahrscheinlich wieder mal der Mut und das Rückgrat.
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