Tagblatt Online, 12. Juli 2012 07:05:00
«Helfen ist nicht mehr zeitgemäss»
In den 39 Thurgauer Samaritervereinen kann man die Herz-Lungen-Wiederbelebung erlernen. (Bild: pd)
FRAUENFELD. Samariter-Kantonalpräsidentin Hedi Helg erklärt, wie man dem Spendenrückgang bei der nationalen Samaritersammlung entgegenwirken will. Heuer sammeln die 39 Thurgauer Samaritervereine vom 20. August bis 1. September unter dem Motto «Helfen auf Schritt und Tritt».
Frau Helg, wann mussten Sie zuletzt Ihre Samariterkenntnisse auf einer Wanderung anwenden?
Hedi Helg: Letzthin bin ich an einem regnerischen Wandertag ausgerutscht. Das nötige Verbandsmaterial für die Schürfwunde hatte ich zum Glück dabei.
Die nationale Samaritersammlung 2012 steht unter dem Motto «Helfen auf Schritt und Tritt». Wohin wandern die Spenden?
Helg: Je ein Viertel der Spenden geht an den schweizerischen Samariterbund und den Samariterverband Thurgau. Die anderen 50 Prozent wandern in die Kassen der lokalen Samaritervereine.
Mit wie viel Spenden rechnen Sie heuer für den Kantonalverband?
Helg: Budgetiert haben wir mit 38 000 Franken. Die Spenden gingen in den letzten Jahren konstant zurück. Obschon diese Sammlung eine der wenigen Einnahmequellen für uns ist. Zum Glück spendet die Thurgauer Bevölkerung im Vergleich zu anderen Kantonen immer noch relativ viel.
Was unternehmen Sie gegen diesen Spendenrückgang?
Helg: Kommendes Jahr werden wir versuchen, alle weissen Flecken im Thurgau, also Orte ohne lokalen Samariterverein, abzudecken. Dies soll direkt durch den Kantonalverband oder durch Vereine erfolgen. Die diesjährige Sammlung durch den Verband in Tobel-Affeltrangen, wo es keinen Verein gibt, dient als Probelauf.
Leiden auch die Mitgliederzahlen?
Helg: Bedauerlicherweise sind die Mitgliederzahlen ebenfalls rückläufig. Es liegt uns sehr am Herzen, dass keine Vereine aufgelöst werden. Trotzdem: Ende 2011 zählte der Kantonalverband 1089 Samariter in 39 Vereinen. Vor zehn Jahren bestanden bei insgesamt 1473 Mitgliedern noch 40 Vereine.
Überalterung wird ein weiteres Thema sein?
Helg: Dem ist so. Zwar können die Vereine auf viele langjährige Mitglieder zählen, aber aus den mittlerweile elf Jugendgruppen im Thurgau kommen noch zu wenig junge Samariter nach. Und irgendwann sind die älteren Samariter nicht mehr in der Lage, mitzuhelfen.
Nach den Jugendgruppen klafft altersmässig ein Loch?
Helg: Heutzutage arbeiten oft beide Elternteile und haben deshalb am Abend keine Lust mehr, sich vereinsmässig zu engagieren. Konkret fehlen uns schlichtweg die 30- bis 40-Jährigen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir dank den steigenden Zahlen bei den Jugendgruppen auch dem Mitgliederrückgang in den Stammvereinen entgegenwirken.
Das Helfersyndrom geht den Leuten zunehmend ab?
Helg: Das ist unser Problem. Helfen ist nicht mehr zeitgemäss. Dabei ist es doch so: Mit mehr Samaritern, die zum Beispiel bei Unfällen schnell Hilfe leisten könnten, wäre oft grösserer Schaden zu vermeiden. Das würde auch die Krankheitskosten vermindern und somit die Krankenkassen entlasten. Je mehr Samariter es gäbe, desto grösser wäre das Sicherheitspotenzial in der Bevölkerung.
Ist das Jahresthema «Erste Hilfe beim Wandern» zur Mitgliederwerbung denn genug sexy?
Helg: Ich hoffe, dass wir genug sexy sind. Auf Wanderungen begegne ich vermehrt jungen Menschen und jungen Familien. Mit dem Jahresthema geben wir den Leuten auch praktische Hinweise auf die Wanderungen mit.
Ein anderes Problem ist der Wegfall der obligatorischen Nothilfekurse in den Schulen. Die Samariter werden hierbei mittlerweile von Fahrlehrern konkurrenziert.
Helg: Das ist ein grosses Problem. Jeder, der zertifiziert ist, darf solche Kurse anbieten. Wir müssen uns bemühen, unsere Angebote attraktiver zu gestalten. Zudem wird der schweizerische Samariterbund beim Nothilfekurs ab 2013 auch E-Learning anbieten. So dauert der Kurs noch sieben statt zehn Stunden.
Falls es die Samariter als professionelle Laien in 20 Jahren noch gibt: In welchen Tätigkeitsfeldern?
Helg: Die Schweiz wird immer älter. So wird man froh sein, bei Betreuungsaufgaben in Ergänzung zu anderen Organisationen auf die Samariter zurückgreifen zu können. Synergiepotenzial sehe ich etwa mit dem schweizerischen Roten Kreuz.
Interview: Mathias Frei
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