Die ganze Wahrheit hält gar niemand aus

ERMATINGEN. Der ehemalige SP-Bundesrat Moritz Leuenberger spricht in Ermatingen über Politik und Lüge. Er gesteht, dass auch er während seiner Amtszeit nicht immer die Wahrheit gesagt habe. Lügen könnten auch etwas Gutes bewirken.

01. Juni 2015, 06:52
AYLIN EROL

«Ich habe mich gefragt, was in der Politik eine Konstante darstellt. Als Antwort fiel mir nur die Lüge ein», ergriff der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger am Samstagabend im Ermatinger Kellertheater Breitenstein das Wort. Im zweistündigen Vortrag versuchte er die Frage «Muss in der Politik gelogen werden?» zu beantworten. Dabei gestand er die eine oder andere Unwahrheit ein, die er in seiner Amtszeit Presse oder Stimmberechtigten auftischte. Mit viel Witz und Selbstironie stiess Leuenberger auf grosses Interesse bei den Besuchern.

Der Wille zur Lüge

«Zur Lüge gehört der Wille, eine Unwahrheit zu verbreiten», sagte Leuenberger. Bei seinen Analysen stützte sich der Ex-Bundesratspräsident oft auf Aussagen von Sokrates, Plato oder von Hannah Arendts Buch «Wahrheit und Politik». Unter den Zuhörern befanden sich auch die Gemeindeammänner Martin Stuber, Ermatingen, und Markus Thalmann, Tägerwilen.

Ein innerer Wandel

«Ich war lange davon überzeugt, dass es eine ehrliche Politik gibt, da ich jede Lüge als moralisch verwerflich ansah», sagt Leuenberger. Mittlerweile sei er aber zu einem anderen Schluss gekommen. Er selbst habe im nachhinein bemerkt, dass er ab und zu, gerade was Volksabstimmungen anging, wissentlich Informationen nicht weitergegeben oder abgeändert habe. «Der Klimagipfel in Kopenhagen kurz vor der Abstimmung zur Reduktion des CO2-Ausstosses war desaströs», gibt Leuenberger jetzt zu. Doch damals habe er dies absichtlich nicht den Medien gesagt und somit gelogen, damit die Schweizer dafür stimmen würden. Leuenberger: «Jetzt glaube ich, die Lüge ist legitim, wenn sie etwas Gutes bewirkt.» Die ganze Wahrheit könne schliesslich kein Mensch auf Dauer aushalten.


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