Tagblatt Online, 24. Mai 2012 07:07:00
Die Patienten bleiben gleich lang
«Solide Leistung der Spital Thurgau AG»: CEO Marc Kohler. (Bild: Reto Martin)
Die Fallpauschalen sind umstritten – seit dem 1. Januar arbeitet die Spital Thurgau AG mit ihnen. Hinweise auf berüchtigte blutige Entlassungen gebe es bisher nicht, sagt CEO Marc Kohler. Die Zahl der Patienten steigt weiter.
MARC HALTINER
FRAUENFELD. Die Kritik war heftig. Zwar zog SP-Kantonsrat Bernhard Wälti seine Motion zurück, die ein Moratorium für die Fallpauschalen forderte. Er verfüge aber über Anzeichen, dass Patientinnen und Patienten in Spitälern zu früh entlassen würden, sagte der Freidorfer Arzt im Rat. Der Hintergrund: Seit dem 1. Januar werden Behandlungen nach der Schwere eines Falls und nicht mehr nach der Aufenthaltsdauer eines Patienten abgerechnet.
Der Kritik der SP widerspricht nun Marc Kohler, der CEO der Spital Thurgau AG. Die Einführung der neuen Fallpauschalen sei aufwendig, zog er gestern vor den Medien eine erste Bilanz. Rund 9200 Fälle behandelten die Akutspitäler vom 1. Januar bis zum 15. Mai in Frauenfeld und Münsterlingen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten sei aber fast gleich hoch wie 2011 ohne Fallpauschalen, so Kohler.
Fast sieben Tage im Spital
Die Aufenthaltsdauer in beiden Akutspitälern betrug denn auch im Schnitt der ersten vier Monate 6,9 Tage, 2011 waren es 7. Kleine Verschiebungen habe es gegeben. «Kleine Eingriffe versuchen wir am Eintrittstag durchzuführen.» Das zeige aber, dass andere Eingriffe zu einem längeren Aufenthalt führten. Die Befürchtung, dass Spitäler Patienten zu früh entlassen und es zu blutigen Austritten komme, habe sich nicht bestätigt. Die Ärzte würden vor jedem Austritt ausführliche Gespräche mit den Patienten führen.
Der Dachverband der Spitäler wertet die Einführung der Fallpauschalen als Erfolg. Kohler zieht ein ähnliches Fazit: Die Fallpauschalen seien eine fairere Art, die unterschiedlichen Behandlungen abzurechnen. Von den über 9000 Abrechnungen hätten die Krankenkassen bisher lediglich drei bemängelt, die Spital Thurgau AG habe eine Rechnung nachträglich korrigieren müssen.
«Die Medizin hat Vorrang»
Aus Sicht Kohlers hat sich überdies bewährt, dass sich die Spital Thurgau AG während fünf Jahren auf die Einführung der Fallpauschalen vorbereiten konnte. Die Akzeptanz bei Spitalärztinnen und -ärzten sei indes nach wie vor durchzogen – «die Hälfte findet es spannend». Klar sei, dass die Medizin immer den Vorrang habe. Der Kostendruck sei jedoch spürbar, die Prozesse in den Spitälern müssten weiter optimiert werden.
Dass die Codierung der Behandlungen als Basis der Rechnung anspruchsvoll ist, räumt Kohler ein. Vorgenommen wird sie von Ärzten und Pflegenden, die die Fälle zuordnen müssen. 53 Prozent der Behandlungen waren per 8. Mai codiert, und auch die Abrechnung mit den Krankenkassen funktioniere. Die Verträge mit den meisten seien abgeschlossen, aber noch nicht genehmigt.
Steigend sind weiter die Patientenzahlen. Die stationären Austritte nahmen 2011 um 3,2 Prozent auf 28 629 Patienten zu. Die ambulanten Behandlungen stiegen gar um 9,3 Prozent.
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