Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
30. Januar 2016, 09:09 Uhr

Der Kirche geht das Personal aus

WEINFELDEN. Der katholischen Kirche droht im Thurgau ein noch viel dramatischerer Mangel an Seelsorgerinnen und Seelsorgern als bisher gedacht. Die Landeskirche denkt nun über drastische Szenarien nach. Eines davon ist die Schliessung von Kirchen.

CHRISTOF WIDMER

Mit einer brisanten Prognose lässt die Katholische Landeskirche Thurgau aufhorchen: In nur 15 Jahren werden die katholischen Pfarreien über die Hälfte ihrer Seelsorgerinnen und Seelsorger verlieren. Im Jahr 2030 werden nur noch 40 Prozent des heutigen Personalbestands zur Verfügung stehen – die zu erwartenden Neuzugänge inklusive. Zur Seelsorge gehören einerseits Priester und andererseits Laientheologen, die zum Beispiel als Gemeindeleiter oder Pastoralassistenten arbeiten.

Schon bisher sind die Verantwortlichen von einem Rückgang ausgegangen. Sie erwarteten aber eine kontinuierliche Entwicklung wie in den letzten Jahrzehnten. «In den nächsten 15 Jahren wird es aber einen dramatischen Einbruch geben», sagt Urs Brosi, Generalsekretär der Katholischen Landeskirche.

Pensionierungswelle kommt

Für seine Prognose hat Brosi die sich abzeichnenden Pensionierungen unter den Priestern und Laientheologen mit der zu erwartenden Zahl von Neueinstellungen verrechnet. Hierbei fallen gleich mehrere ungünstige Trends zusammen. Zwischen 2020 und 2030 wird es eine Pensionierungswelle geben. 70 Prozent des heutigen Personals erreicht das Rentenalter. Gleichzeitig wird kaum Personal nachkommen: Im Bistum werden pro Jahr weniger als zehn Theologen in den Beruf eingeführt. Zudem kommen aus Deutschland kaum mehr Theologen in die Schweiz, um hier zu arbeiten.

Die Landeskirche Thurgau versuchte Gegensteuer zu geben mit der eigenen Ausbildung von Seelsorgemitarbeiterinnen und -mitarbeitern. Aus Sicht der Landeskirche eine Erfolgsgeschichte. «Ihre engagierte Arbeit geniesst im Kirchenvolk hohe Wertschätzung», sagt Brosi. Allerdings hat die Bistumsleitung verboten, weitere Seelsorgemitarbeiter auszubilden. Es zweifelt an der Qualität der Ausbildung. «Der Ärztemangel lässt sich auch nicht beseitigen, indem aus dem Studium eine Berufslehre gemacht wird», erklärt Bistumssprecher Hansruedi Huber.

Die Landeskirche rechnet nun nicht mehr damit, dass sie auf den Personalbestand Einfluss nehmen kann. Strenggenommen ist sie für die Behebung des Mangels an Seelsorgern gar nicht zuständig. In der katholischen Kirche ist das Bistum für die Seelsorge verantwortlich – auch dafür, dass es genug Nachwuchs gibt. Die Landeskirchen sind für die Infrastruktur und die Finanzen zuständig. Weil aber beides davon beeinflusst wird, wie viel Personal überhaupt noch vorhanden ist, sieht sich die Landeskirche trotzdem betroffen. Der Kirchenrat werde Ende Februar mit den Kirchgemeinden Lösungsansätze besprechen, sagt Brosi. «Wir müssen jetzt Klartext reden.»

Funktionieren Pastoralräume?

Für ihn ist klar, dass die heutigen Strukturen mit dem Personalbestand von 2030 nicht mehr aufrechterhalten werden können. Selbst für die vom Bistum geplante Neuorganisation der Seelsorge in zwölf Pastoralräumen werde das Personal nicht reichen. «Es wird nicht mehr genug Seelsorger mit Leitungsfunktionen geben», sagt Brosi. Die Seelsorgelandschaft werde sich noch viel grundlegender ändern müssen. Möglich sind laut Brosi folgende Szenarien:

• Keine Pfarrei hat einen festen Pfarrer oder Gemeindeleiter. Das noch vorhandene Personal besucht die Pfarreien nur noch. In ihrer Abwesenheit organisieren Freiwillige die Gemeindearbeit.

• Es gibt im Thurgau sechs bis neun Zentren mit Kirchen, in denen Gottesdienste stattfinden und wo Seelsorge geleistet wird. Wer solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen will, muss dorthin gehen.

• Die Gottesdienste finden wie beim zweiten Szenario nur noch in wenigen Zentren statt. In den anderen Pfarreien leisten Freiwillige die Seelsorge vor Ort.

Solche Szenarien hätten weitreichende Folgen. So müssten sich die Kirchgemeinden je nachdem überlegen, was sie mit ihren Kirchenbauten machen. Brosi möchte, dass vor grossen Renovationen die Frage geprüft wird, ob die Kirche in fünfzehn Jahren noch gebraucht wird. Möglicherweise laufe die Entwicklung darauf hinaus, dass die nicht gebrauchten Kirchen nur noch äusserlich instand gehalten werden, damit die Substanz keinen Schaden nimmt. So bleibe auch das Ortsbild erhalten. Sollte sich der Trend einmal umkehren, könnten die stillgelegten Kirchen wieder in Betrieb genommen werden.

Bistum nicht ganz so besorgt

Das Bistum Basel teilt derweil zwar die Sorgen der Landeskirche Thurgau – allerdings nicht im selben Ausmass, wie Sprecher Huber betont. Gerade die Pastoralräume erlaubten eine Konzentration der Kräfte und könnten flexibler auf Schwankungen reagieren. Auch im kirchlichen Arbeitsmarkt würden sich Angebot und Nachfrage nicht linear verhalten. Das Bistum reagiert zudem auf den Personalmangel. «Das kirchliche Bildungssystem wird durchgängiger und das Bildungsmarketing vernetzter», kündigt Huber an.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT