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Tagblatt Online
18. Januar 2016, 21:06 Uhr

Bund nimmt Gewaltvorwürfe ernst

Blick in ein Schlafzimmer des Empfangs- und Verfahrenszentrums Kreuzlingen bei einem Rundgang im Jahr 2011. Zoom

Blick in ein Schlafzimmer des Empfangs- und Verfahrenszentrums Kreuzlingen bei einem Rundgang im Jahr 2011. (Bild: Archivbild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Ein Undercover-Journalist schreibt, dass Sicherheitsleute Flüchtlinge im Empfangs- und Verfahrenszentrum schlagen. Das Staatssekretariat für Migration will den Vorwürfen nachgehen, zeigt sich aber gleichzeitig irritiert über die Vorgehensweise des Journalisten.

MICHèLE VATERLAUS

Demütigungen, Schläge, sogar von einem Raum, in dem Asylsuchende geschlagen werden, ist die Rede. Die Vorwürfe, die der Undercover-Journalist Sham ul-Haq macht, wiegen schwer. Die Sonntags-Zeitung hat eine Reportage von Haq aus dem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) in Kreuzlingen veröffentlicht.

Eine Leibesvisitation

Sham ul-Haq hat sich eingeschleust, in dem er sich als Pakistaner ausgegeben hat, der in der Schweiz um Asyl ersucht. In seinem Artikel schildert er Erfahrungen, die er während fünf Tagen vom 9. bis 13. Januar im EVZ Kreuzlingen gemacht hat. Er zeichnet ein düsteres Bild: Dort angekommen, habe er sich komplett ausziehen müssen. «So erniedrigt habe ich mich in der Schweiz noch nie gefühlt», schreibt Haq. Er mischte sich unter die Flüchtlinge, suchte das Gespräch mit ihnen. Sie erzählten ihm, dass die Sicherheitsleute die Asylsuchenden schlagen würden. Solche Gewaltszenen sah er mit eigenen Augen und erfuhr sie am eigenen Leib. Er gibt Erzählungen wieder, dass das Zentrum teilweise so voll sei, dass die Leute auch schon auf dem Boden schlafen mussten. Er schreibt von Erzählungen über einen Raum, in dem die Sicherheitsleute Flüchtlinge zusammenschlügen. Das Schlimmste für Haq war, «abends in den Bunker zu müssen». Der «Kriegsbunker», wie er ihn nennt, ist eine Zivilschutzanlage, in der die Flüchtlinge übernachten.

Zeuge soll Anzeige machen

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) stellt auf Anfrage klar, dass der Bund für einen fairen und respektvollen Umgang mit den Asylsuchenden unter seiner Obhut einsteht. Das SEM könne nicht beurteilen, ob sich die Vorkommnisse tatsächlich so ereignet hätten. «Dies setzt Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörde voraus.» Deshalb erwartet das SEM, dass sich die Sonntags-Zeitung und der Zeuge umgehend bei den zuständigen Polizeibehörden melden, damit Ermittlungen eingeleitet werden können. Das SEM selbst wird Vorwürfe, die nicht nach strafrechtlichen Abklärungen verlangen, überprüfen und gegebenenfalls Massnahmen ergreifen.

Das SEM räumt aber ein, dass es bei monatelanger Überbelastung vorkommen könne, dass nicht alles so geordnet vor sich geht, wie in normalen Zeiten und dass in der Betreuung teilweise improvisiert werden muss, um Engpässe zu überbrücken. «So mussten beispielsweise zeitweise Matratzen in die Esssäle gelegt werden, damit alle neu ankommenden Asylsuchenden im Zentrum aufgenommen werden konnten und einen Platz zum Schlafen fanden.»

«Schlecht recherchiert»

Hanspeter Rissi, Seelsorger im EVZ, ärgert sich über die Reportage: «Dieser Artikel ist mit Vorsicht zu geniessen. Er ist in meinen Augen schlecht recherchiert.» Es stünden gewisse Sachen darin, die nicht stimmen können, beispielsweise, dass es keine Kinderbetreuung gibt. «Dem ist nicht so. Ein Kollege von mir ist zuständig dafür», sagt Rissi. Die Seelsorge ist jeden Tag vor Ort, er selbst ist zweimal pro Woche in einer Unterkunft. Die Stimmung im EVZ sei sehr gut.

Dennoch: Die Kantonspolizei Thurgau sagt, dass sie im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche ins EVZ Kreuzlingen ausrücke, aber vor allem in Folge von Streitigkeiten unter Flüchtlingen. Bei Straftaten nimmt die Polizei Anzeigen von Flüchtlingen oder anderen Geschädigten entgegen und rapportiert sie bei der Staatsanwaltschaft. Andreas Netzle, Stadtammann von Kreuzlingen, sagt, er könne die Lage im Innern des EVZ nicht beurteilen. Im Aussenbereich, also in der Stadt, arbeiteten die verschiedenen Organe des Bundes, des Kantons und der Stadt gut zusammen. Die Sicherheitsleute der Firma Abacon patrouillieren im Auftrag des Bundes auch im Stadtgebiet. «Die Lage in der Stadt ist derzeit ruhig und unter Kontrolle.» Vor rund eineinhalb Jahren sind Meldungen wegen Gewalt bei der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu) eingegangen, wie Präsident Karl Kohli sagt. Diese habe man damals dem EVZ gemeldet. Aktuell sei ihm nichts bekannt. «Ich kann keine zuverlässige Aussage über die Umstände im EVZ machen. Aber wir arbeiten gut mit dem EVZ zusammen.»



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Kayenta (20. Januar 2016, 12:36)
Stossend ist,

a) dass TeleZüri solchen, ziemlich sicher im Auftrag der Sonntagszeitung arbeitenden, "RäuberundPoli"-Agenten eine Plattform bietet,
b) dass der Pakistaner mit deutschem Pass Frau Fiala nie direkt angesprochen hat – als Frau kommt sie natürlich für einen Moslem ca. 20 Seiten hinter dem "Ohrenmüggel" in Brehms Tierleben!
c) dass solche Typen nur fordern (Sozialpädagogen für renitente Asylanten!)
d) dass dieser Herr als Ausländer (Deutsch/Pakistaner) in einem ihm fremden Land rumspioniert, ohne Folgen für ihn – er gehört angezeigt!

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frieda (22. Januar 2016, 10:02)
Quatsch mit Sosse

1. Die Reportage wurde zuerst in der SonntagsZeitung veröffentlicht. Undercover zu arbeiten, ist nicht "Räuber und Poli" spielen. 2.Wichtig ist der Inhalt der Reportage. Wer sie ganz liest - und das kann man online - stellt fest, dass sie sehr differenziert ist und nicht nur Negatives auflistet. 3. Wieso sollte der Reporter "Frau Fiala" fragen? Die ist Mitglied der eidg. Kommission. Das weiss doch aber kein Asylbewerber. Der Reporter wiederum will wissen, wie's in dem Zentrum zugeht. Dazu hat "Frau Fiala" wenig beizutragen. 4.. Der Reporter hat sehr wohl Frauen "die Hand gegeben". Was eine dämliche (falsche) Behauptung! 5. Er macht Vorschläge für Verbesserungen, um Probleme zu vermeiden. 6. Man sollte die Vorwürfe untersuchen (gerade weil das Sicherheitspersonal nicht den besten Ruf hat), statt auf den Überbringer der Nachricht loszugehen. Sollten die Vorwürfe falsch sein, ist alles gut. 7. Spionage? Wo? Wer? Wann?

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kicky (19. Januar 2016, 15:32)
Ist möglich

Ich kann mir das gut vorstellen,habe auch negative Dinge gesehen,bin werden Journalist noch Asylsuchend .
Aber Abklärung ist niemals schlecht.

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dzaugg (19. Januar 2016, 07:26)
Eigentlich

gilt es erst mal genau abzuklären, wer dieser Mann ist. Wer sich selbst als Terrorismusexperte bezeichnet setzt auch selber das erste Fragezeichen. Dann der Name: Schams ul Haq = Sonne der Wahrheit. Heisst er so oder bezeichnet er sich so? Liebe Journalisten, wäre das nicht Stoff für eine Recherche?

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frieda (19. Januar 2016, 16:06)
Vorwürfe klären

Nein, zuerst einmal gilt es abzuklären, was an den Vorwürfen dran ist. Der Vorschlag, sich zuerst um denjenigen zu kümmern, der die Vorwürfe veröffentlichte, geht in die Richtung, den Überbringer der Nachricht anzugreifebm statt zu prüfen, ob die Nachricht stimmt. Das Kreuzlinger Empfangszentrum ist alle paar Jahre wegen Vorwürfen an die "Wachmannschaft" in der Kritik. Solceh "schwarzen Sheriffs" haben ja auch ausserhalb nicht den besten Ruf. Es gab auch früher schon Vorwürfe, die vor Gericht landeten - was selten ist, weil die Betroffenen ja nicht lange in dem Zentrum sind. Deshalb: erst die Vorwürfe klären. Und ob der Journalist Peter Meier oder Schams ul Haq heisst, ist nun wirklich drittrangig.

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sowieso (20. Januar 2016, 20:20)
Forderung einer sauberen Untersuchung

Das Staatssekretariat für Migration sollte die Anschuldigungen sehr ernst nehmen. Es ist nichts neues, dass es immer wieder zu Übergriffen durch das Sicherheitspersonal kommt. Eine grosse Anzahl dieses Personals ist der oft belastenden Aufgabe schlicht und einfach nicht gewachsen. Es fehlt leider oft an Bildung und Sozialkompetenz. Der Bund sollte das Personal genauer prüfen und Anforderungen stellen und diese wichtigen Aufgaben nicht einfach anderen Unternehmen unterlassen. Schlecht bezahlt und folglich demotiviert und unzufrieden, sind Übergriffe vorprogrammiert. Ich hoffe, dass das Staatssekretariat für Migration diese Angelegenheit sehr ernst nimmt und eine saubere Prüfung vornehmen wird.

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