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Tagblatt Online, 02. Juni 2012 01:05:31

Betrügerische Geschäfte unter Freunden

«Was bekäme ich für eine Strafe, wenn ich ihn schlagen würde?» Der Mann mit dem Schnauz stellt die Frage in den Raum. Er ist Türke, mit Frau und Sohn ist er ins Bezirksgericht Münchwilen gekommen. Gemeinsam wollen sie der Tochter beistehen, die als Opfer und Privatklägerin in einem Prozess auftritt, bei dem es um Betrug, Urkundenfälschung und Veruntreuung geht.

Es sind noch mehr Opfer da: Eine 34jährige IV-Rentnerin und der Vertreter der Fust AG. Neben Banken und Autogaragen ist Fust im grossen Stil geprellt worden. Jetzt warten die Betrogenen vor dem Gerichtssaal auf das Urteil. Der Angeklagte sitzt in einem Raum am anderen Ende des Flurs. Die Tür ist zu. Er ist 29 Jahre alt, gedrungene Statur, knielange Hosen. In knapp zwei Jahren soll er 337 000 Franken ergaunert haben, indem er Kredite aufnahm, Fernseher auf Raten kaufte und weiter verscherbelte. Dreimal leaste er ein Auto.

Er selbst hätte keine Chance auf solche Verträge gehabt, denn er hatte weder Arbeit noch Geld. Deshalb überredete er Freunde und Kollegen, für ihn die Raten-Käufe abzuschliessen. Sieben Frauen und Männer liessen sich darauf ein – aus Gutgläubigkeit, vielleicht auch Naivität. Wenn nötig fälschte die Frau des Beschuldigten Lohnabrechnungen, die dann als Beweis für die Kreditwürdigkeit dienten.

Der Angeklagte habe ihr hoch und heilig versprochen, er werde die Raten pünktlich bezahlen, erzählt die 22jährige Türkin. Doch das habe der Mann gar nie vorgehabt, heisst es in der Anklageschrift. Er pries die Ware sofort im Internet zum Verkauf an. Auf diese Weise finanzierte er den Lebensunterhalt für sich, seine Frau und den Sohn.

Den Schaden hatten die Opfer. «Erst die Mahnungen, dann die Betreibung und schliesslich wurde mein Lohn gepfändet», sagt die junge Frau. «Es war krass.» Jahrelang habe sie vom Existenzminimum gelebt. Eine IV-Rentnerin mit zwei Kindern musste für teure Fernseher geradestehen: 9000 Franken. Sie habe sich das Geld für die Rückzahlung vom Munde abgespart, sagt sie. Die Opfer werfen dem Angeklagten vorwurfsvolle Blicke zu, wenn er an ihnen vorbei in den Gerichtssaal geht. Er schaut starr an ihnen vorbei.

«Ich bin auf dem richtigen Weg», sagt er zu Vizegerichts-Präsident Cornel Inauen. Seit Februar habe er eine Arbeitsstelle, verdiene 4300 Franken netto: «Ich versuche die Ausgaben zu kontrollieren, so gut das bei diesem Chaos geht». «Wo werden Sie in drei Jahren stehen?», will Inauen wissen. An einem ähnlichen Punkt, antwortet der Angeklagte: «Aber ohne Gerichtsverfahren und mit weniger Schulden.» Leicht wird es nicht werden. Der Mann muss 70 000 Franken aus einer früheren Straftat abzahlen. Dazu kommen Forderungen von 337 000 Franken aus den jetzigen Betrügereien. Er werde sich um eine Schuldensanierung kümmern, versichert er.

Das Bezirksgericht verurteilt den Beschuldigten zu 20 Monaten bedingt, bei einer Probezeit von drei Jahren. Dazu kommt eine Busse von 1000 Franken. Die Opfer sind vom Urteil enttäuscht. Sie hätten erwartet, dass der Mann hinter Gittern dafür büssen müsse, was er ihnen angetan hat. Ihre Forderungen wurden zwar anerkannt, aber angesichts des hohen Schuldenberges machen sie sich keine Hoffnung, dass sie viel von ihrem Geld wieder sehen werden. Ida Sandl




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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unangan (03. Juni 2012, 15:27)
na...dann

so verwerflich die Taten des Angeklagten auch sind... Für einen Mittellosen Familienvater, der gar Erwerbslos ist, mit Kunsumgüterkrediten zu sponsoren... ist nicht nachvollziehbar... und deshalb verstehe ich nicht, was die Geprellten noch zur Verurteilung fordern. (eine Haftstrafe)

Eingelocht... würde der "Sünder" eh keinen Franken verdienen... und nur der Staatskasse jeden Tag seiner Haft um mehrere hundert Franken "auf der Tasche liegen".

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