Tagblatt Online, 03. August 2012 07:34:00
Ausbruchsicher, aber kein Gefängnis
Geschützter Balkon in der forensischen Station. (Bild: Reto Martin)
MÜNSTERLINGEN. In der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen haben die Mitarbeitenden täglich viele Gratwanderungen zu meistern. Eine besondere Herausforderung stellte der Umbau der forensischen Station dar.
MARINA WINDER
Im Haus C der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen halten sich Menschen auf, die wegen ihrer psychischen Erkrankung eine Straftat begangen haben. Statt ihre Strafe im Gefängnis zu verbüssen, lassen sie sich in der forensischen Station in Münsterlingen therapieren. Ihr Aufenthalt im Haus C kann bis zu vier Jahren dauern. Ziel ist die Resozialisierung. Für 15 Frauen und Männer bietet die geschlossene Abteilung Platz, 13 Betten sind zurzeit belegt.
Soeben ist der Umbau dieses Hauses abgeschlossen. Der Innenausbau wurde den modernen Ansprüchen angepasst und der Innenhof neu gestaltet. Der Umbau kostete den Kanton 900 000 Franken und die Spital Thurgau AG 1,1 Mio. Franken.
Sicherheit oder Wohnlichkeit?
An den Fenstern des Hauses C hat es keine Gitterstäbe mehr. Doch das Verbundsicherheitsglas ist weitgehend ausbruchsicher. Das Beispiel zeigt den Versuch, eine möglichst angenehme Atmosphäre herzustellen, ohne die notwendigen Sicherheitsmassnahmen zu vernachlässigen. Dieser Hochseilakt zwischen Sicherheit und Wohnlichkeit zieht sich durch das ganze Gebäude. Besonders deutlich zeigt er sich im Innenhof: Der Platz wirkt eigentlich einladend. Ein Volleyballnetz, zwei Basketballkörbe, ein Tisch mit Bänken und weitere Sitzgelegenheiten. Wenige Tage zuvor habe hier ein Grillfest stattgefunden, erzählt ein Mitarbeiter der Psychiatrischen Klinik. Weit weniger gemütlich wirkt aber der hohe Zaun, der den Platz lückenlos umschliesst. Eine Reihe sogenannter Haifischzähne bildet den Abschluss des Zauns. Eine solche ist auch an der Fassade des Hauses angebracht. Die eisernen Spitzen sollen die Bewohner des Hauses davon abhalten, auszureissen. Jedes Detail, jede Entscheidung im Rahmen des Umbaus habe zu ausgiebigen Diskussionen geführt, berichten mehrere Beteiligte. «Es ist sehr anspruchsvoll, die Balance zu halten, zwischen Schutz und Sicherheit einerseits und einem Wohlfühlklima andererseits», sagt Spitaldirektor Gerhard Dammann. «Der Preis für totale Sicherheit wäre unmenschlich.»
Fast alles im Haus C ist kameraüberwacht. Auch die drei Isolierzimmer – nur die Nische mit der Toilette wird nicht gefilmt. Über einen Monitor überwacht das Pflegepersonal die Patienten. Sie bleiben so lange in diesem Zimmer, wie sie eine Gefahr für sich und ihre Mitmenschen darstellen. «Es handelt sich meistens um ein paar Stunden oder eine Nacht», sagt Pflegedirektorin Regula Lüthi. Gestern waren alle drei Isolierzimmer besetzt.
Schwere Entscheidungen
Mitten im Umbau befindet sich das Haus A der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Der Baulärm ist belastend für die Angestellten, vor allem aber für die Bewohner. Hier geht es vor allem darum, alles heller und freundlicher zu gestalten. «Wir freuen uns sehr auf das Resultat», sagt Lüthi. Die Bauarbeiten leitet Heinz Willi, Projektleiter des Kantonalen Hochbauamtes. Er hat Erfahrung mit dem Bau in der Psychiatrie und weiss, worauf er achten muss. Der Anspruch, unter Wahrung der Sicherheit möglichst offen zu sein, richtet sich in der Akutpsychiatrie nicht nur an den Bau. Vor allem die Angestellten sind es, die hier jeden Tag aufs neue schwere Entscheidungen treffen müssen. Etwa, ob die Patienten heute auf den Balkon dürfen, der nicht gesichert ist.
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