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Tagblatt Online, 14. Juni 2012 01:08:00

Auch Kastration schützte nicht vor Pädophilie

Am 13. Juli 2010 empfand der Angeklagte einen «ganz starken, triebgesteuerten Druck, eine wahnsinnige Spannung», wie er gestern vor dem Bezirksgericht Winterthur sagte. Er sei wie wild mit dem Auto durch die Gegend gefahren und habe auf den Zufall gehofft, dass er ein Opfer sehe.

Am 13. Juli 2010 empfand der Angeklagte einen «ganz starken, triebgesteuerten Druck, eine wahnsinnige Spannung», wie er gestern vor dem Bezirksgericht Winterthur sagte. Er sei wie wild mit dem Auto durch die Gegend gefahren und habe auf den Zufall gehofft, dass er ein Opfer sehe. Was dann zwischen Dinhard und Rickenbach passierte. Jetzt, ohne Hormonzufuhr von aussen, sei er in einem ganz anderen Zustand.

Er will nach der Verhandlung den Eltern einen Brief schicken und sich entschuldigen. Mehrmals sagte er während der gestrigen Hauptverhandlung, dass es ihm wahnsinnig leid tue. Den Vorwurf der sexuellen Nötigung wies er zurück. Freiheitsberaubung und sexuelle Handlung mit Kindern akzeptierte er.

Der heute 64-Jährige hatte das damals 15jährige Opfer, das mit dem Velo unterwegs war, angehalten und es gebeten, mit ihm mitzukommen. Es gehe schnell, es passiere ihm nichts. Da immer wieder Velos vorbeifuhren, fesselte er den Knaben, verklebte ihm den Mund und legte ihn in den Kofferraum seines Wagens. Dann fuhr er mit ihm in einen Wald. Er befreite ihn von seinen Fesseln und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Durch Gestrüpp gelangten sie tiefer in den Wald, wo es zu sexuellen Handlungen kam.

So habe der Angeklagte sein Glied und das Glied des 15-Jährigen gerieben. Zu oralem Verkehr soll es aber nicht gekommen sein. Als das Kind der Aufforderung, sein Glied zu berühren, nicht nachkam, habe er die Handlungen abgebrochen.

1977 im Thurgau verurteilt

Im Auto des 64-Jährigen, der die ersten fünf Jahre seines Lebens in Ermatingen verbrachte, wurde auch eine Karte von Frauenfeld und Umgebung gefunden, auf der Örtlichkeiten markiert waren. Für die Staatsanwaltschaft ein Beweis, dass die Taten auch dort hätten passieren können. Dem entgegnete der Angeklagte, dass er auf der Suche nach Standorten für den Verkauf von Blumensträussen gewesen sei. Bei einem Betreiber von solchen Ständen war er angestellt gewesen.

Seine Kindheit verbrachte er in diversen Heimen, wo er selber misshandelt worden sei. Die Lehrabschlussprüfung als Maschinenmechaniker hatte er «wegen eines neuen Vorfalls, eines der ersten Vergehen gegen Kinder», nicht gemacht. Ein Jahr war er an der Schauspielakademie Zürich, wo er die Aufnahmeprüfung «mit Bravour» bestanden habe. Doch nach einem Jahr Ausbildung war er «wieder mal in der Psychiatrie wegen eines Vergehens».

Wie es mit Vermögensdelikten aussehe, fragte der Staatsanwalt. – «Eine Fangfrage», antwortete der Mann. Gestohlen habe er jeweils nur zum Überleben, wenn er vor der Polizei oder der Psychiatrie auf der Flucht war, teils quer durch Europa.

1977 war er im Thurgau wegen Missbrauchs eines Zehnjährigen zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt worden. Um sich selber und seine Kinder zu schützen, liess er sich 1976 freiwillig kastrieren. Von 1975 an lebte er 15 Jahre mit einer Frau und deren drei Kindern zusammen, mit ihr hat er auch ein gemeinsames Kind.

Hormonspritzen für Sexualität

In der Therapie lernte er, seine sexuellen Neigungen weg von Kindern, hin zu Erwachsenen zu lenken, was in der Beziehung zu einem Brasilianer resultierte. Um seine Sexualität ausleben zu können, bekam er Hormonspritzen. Das sei zuerst gut gegangen, doch bei einem Präparatewechsel seien die alten Neigungen wieder geweckt worden.

33 Jahre habe er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen, sagte er. Bei der Aargauer Verurteilung 1997 habe er «nur» Knaben gefesselt und wieder von ihnen abgelassen, als einer zu weinen begann. Der Staatsanwalt will acht Jahre Haft und fragt sich, ob eine Verwahrung angezeigt ist, der Verteidiger will 30 Monate Haft. Überraschend erklärte der Angeklagte in seinem Schlusswort, er beantrage für sich vier Jahre Haft. Das Urteil wird heute gefällt. Caspar Hesse




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