Zu viel Ammoniak in der Luft

THURGAU ⋅ Die Schweiz kann das Stickstoffdioxid-Problem ohne Fahrverbote für Dieselautos lösen, meint der Geschäftsführer von Ostluft, Peter Maly. Im Interesse der Artenvielfalt sollte die Landwirtschaft aber ihren Ammoniakausstoss reduzieren.
05. Oktober 2017, 05:18
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

 

Peter Maly, sollten auch in der Schweiz Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten verbannt werden, wie es in Deutschland erwogen wird?

Das Problem liegt vor allem beim Stickstoffdioxid, dem NO2. Dieselfahrzeuge erzeugen sehr viel davon, sofern die Ad-Blue-Technik nicht funktioniert. Auch in der Schweiz messen wir in Strassennähe nach wie vor Überschreitungen des Jahresmittel-Grenzwerts. Nicht nur in Zürich, sondern auch in kleineren Ortschaften mit starkem Durchgangsverkehr, auch im Thurgau.

Ein Grund für Fahrverbote?

Die Einhaltung der Grenzwerte wird in der Schweiz nicht so streng durchgesetzt, weil die schweizerischen Grenzwerte sehr tief sind. Werden sie überschritten, ist eine Behörde nur verpflichtet, einen Massnahmenplan zu erlassen. In der EU kann sie bestraft werden, wenn sie keine Massnahmen beschliesst. Ausserdem gelten die Grenzwerte in der Schweiz nur dort, wo die gesamte Bevölkerung betroffen ist. In der EU gelten sie auch an Orten, wo sich nur einzelne Personen aufhalten, beispielsweise in Strassenschluchten. In der EU wird die Luft zwischen Fahrbahn und Trottoir gemessen, in der Schweiz jedoch üblicherweise zwischen Trottoir und Hausfassade.

Macht diese Verschiebung des Messorts einen Unterschied?

Ja, die Autoabgase werden in der Luft schon auf kurze Distanz verdünnt.

Dann ist die Schweizer Luft nicht besser als die deutsche?

Doch. Im Thurgau leidet der grösste Teil der Bevölkerung nicht unter einer übermässigen Stickstoffdioxid-Belastung. Sobald man von der Strasse weggeht, werden die Grenzwerte eingehalten – sowohl der Jahresmittel-Grenzwert von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter als auch der Tagesmittel-Grenzwert von 80 Mikrogramm pro Kubikmeter. In Deutschland gibt es Ballungszentren, in denen viel mehr Menschen Mobilität erzeugen. Deutschland hat auch einen deutlich höheren Anteil an Dieselfahrzeugen. Es gibt zwei Brennpunkte: das Neckartor in Stuttgart und die Landshuter Allee in München. Beide Standorte sind stark belastet durch über 70000, beziehungsweise 130000 Fahrzeuge pro Tag.

Das ist mehr als auf der am stärksten befahrenen Strasse im Thurgau, der Autobahn Winterthur–Wil.

Bei Wil sind es circa 60000 Fahrzeuge pro Tag, zwischen Zürich und Winterthur gegen 100000. Die Landschaft ist dort sehr offen, die Schadstoffe verdünnen sich schnell. Im Vergleich dazu liegt Stuttgart-Neckartor in einer Strassenschlucht. Dort kann es zu massiven Überschreitungen des Jahresgrenzwerts und des Jahresmittelwerts kommen. So etwas haben wir in der Schweiz kaum. Die Bebauung ist bei uns tiefer.

Dennoch werden die Grenzwerte überschritten.

Ja, aber wir haben eine gute Chance, sie innert nützlicher Frist zu senken mit Hilfe der technischen Verbesserungen, die dank dem Diesel-Gate eingeleitet werden. Daher gibt es keine dringende Notwendigkeit, Fahrverbote zu erlassen. Vor zwanzig Jahren lag die NO2-Konzentration übrigens deutlich höher.

Was ist geschehen?

Besonders zwischen 1990 und 2000 hat sich die Einführung von Dreiwegekatalysatoren bei Benzinmotoren ausgewirkt. Und dann die Sanierung der Heizungsanlagen. Öl- und Gasheizungen haben früher viel NO2 ausgestossen. Das ist bei den heutigen Brennern nicht mehr der Fall. Auch die Industrie hat massiv Emissionen eingespart. Seit 2000 ist die NO2-Belastung nicht mehr so stark gesunken, weil der Dieselanteil der Fahrzeuge stark zugenommen hat.

Warum?

Das hat mit der Klimapolitik zu tun. Man hat gesagt, Dieselfahrzeuge sind energieeffizienter, sie haben einen geringeren CO2-Ausstoss. Man muss bedenken, dass 1990 fast alle Lieferfahrzeuge in der Schweiz Benzinmotoren hatten. Heute fahren fast alle mit Diesel.

Die mehr NO2 ausstossen, als sie dürfen.

Wir hatten schon vor dem Diesel-Gate eine Differenz festgestellt zwischen den Emissionsaussagen im so genannten Handbuch Emissionsfaktoren und dem, was wir am Strassenrand messen. Das wurde im Ostluft-Gebiet an zwei Orten genauer untersucht: in Opfikon-Balsberg und in Maienfeld. Da haben wir gezeigt, dass die Werte, wie sie im Handbuch angegeben werden, nicht stimmen können. Die Immissionsbelastung ist viel höher.

Sind Sie also vom Abgasskandal nicht überrascht worden?

Nein, wir sind froh darüber, dass wir endlich ernst genommen werden. Hier liegt ein hohes Verbesserungspotenzial drin. Bezüglich Stickstoff gibt es übrigens ein weiteres Verbesserungspotenzial.

Nämlich?

Die massive Stickstoffbelastung der Natur durch den Ammoniakausstoss der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist im Thurgau die grösste Ammoniakquelle überhaupt. Ammoniak enthält auch Stickstoff; es wird durch die Luft verfrachtet, belastet die Böden und führt zur Überdüngung der Natur und zum Verlust der Artenvielfalt in der Landschaft. Der Wald wird belastet, die Wurzeln werden geschwächt.

Wieso stösst die Landwirtschaft so viel Ammoniak aus?

Der grösste Teil stammt aus den Fäkalien der Tierzucht. Dabei fallen drei Viertel bei der Rinderzucht an, also der Produktion von Milch und Fleisch. Ein Viertel stammt aus der Schweine- und Geflügelzucht.

Überwacht Ostluft auch den Ammoniakgehalt der Luft?

Ja, dafür gibt es die so genannten Ammoniak-Passivsammler. Diese Messungen sind gesamtschweizerisch koordiniert.

Gibt es dafür Grenzwerte?

Ja, dafür gibt es internationale Grenzwerte für verschiedene Bereiche. Sie werden im gesamten Mittelland überschritten. Ein Bauer darf deshalb beispielsweise keinen grossen Pouletmast-stall neben einen Wald hinstellen.

Wie kann er sonst noch Überdüngung vermeiden?

Die Landwirtschaft produziert ja das, was wir alle essen. Vielleicht sollten die Konsumenten überlegen, ob sie so viel Fleisch essen wollen. Die Fleischproduktion ist die Hauptquelle der Ammoniakbelastung. Es gibt ein vom Bund gefördertes Ressourcenprogramm, das inzwischen abgeschlossen ist. Der Thurgau war einer der ersten Kantone, die es durchgeführt haben. Da ging es zum Beispiel darum, die Gülle mit Schleppschläuchen statt mit Pralltellern auszubringen. Natürlich wäre im Stallbau noch ein Riesenpotenzial vorhanden.

Inwiefern?

Der Spezialist dafür ist die Forschungsanstalt Agroscope in Tänikon. Nach heutigem Wissen ist die wichtigste Massnahme der Einbau eines Quergefälles im Stall, so dass der Harn schnell abfliesst und sich nicht mit Rinderkot vermischt. Denn Ammoniak entsteht durch die Vermischung von Harn mit Mist. Ferner sollte die Gülle mit Schleppschläuchen ausgebracht werden. Man sollte vor allem nicht zu viel ausbringen, damit die Wiesen nicht überdüngt werden. Das Lager muss geschlossen sein. Offene Güllelager dürfte es nicht mehr geben.

Ostluft ist der Verbund der Ostschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein zur Überwachung der Luftqualität. Der Geschäftsführer hat sein Büro in Schaffhausen.


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