Zigaretten nur noch für Volljährige

KANTON THURGAU ⋅ Im Thurgau gilt heute ein Zigaretten-Verkaufsverbot für unter 16-Jährige. Ein neues Bundesgesetz will das schweizweit einheitliche Mindestalter 18 einführen. Dieses Ansinnen kommt gut an. Der Lungenliga Thurgau geht es sogar zu wenig weit.
11. Februar 2018, 05:17
Sebastian Keller
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Die Altersregelung beim Verkauf von ­Zigaretten könnte als Lehrbeispiel in einem Buch über Föderalismus dienen. Drei Kantone kennen keine gesetzlichen Vorgaben, in zwölf Kantonen ist es erlaubt, Glimmstängel an 16-Jährige zu verkaufen, in elf Kantonen müssen die Käufer ihre Volljährigkeit vorweisen können. Doch die mannigfaltige Gesetzeslandschaft soll mit einem Ablaufdatum versehen werden. Der Bundesrat hat im Dezember 2017 den zweiten Vorentwurf zum Tabakproduktegesetz in die Vernehmlassung geschickt. Das Gesetz sieht ein Mindestalter 18 in allen Kantonen vor. Im Jahr 2022 soll das Gesetz ­voraussichtlich in Kraft treten.

Höheres Mindestalter könnte spätere Sucht verhindern

Im Thurgau können heute Jugendliche ab 16 Jahre Zigaretten legal erwerben. Der Kanton hat seine offizielle Haltung zum neuen Gesetz noch nicht formuliert. «Derzeit läuft die interne Ämterkonsultation», sagt Judith Hübscher Stettler. Sie ist Beauftragte für Gesundheitsförderung, Prävention und Sucht beim kantonalen Gesundheitsamt. «Aus meiner fachlichen Sicht ist die Anhebung des Mindestalters zu begrüssen.» Einerseits wäre die Regelung schweizweit einheitlich. Dies bezeichnet sie als «strukturelle Präventionsmassnahme» – als Massnahme, die eine grosse Flächenwirkung hat, aber wenig kostet. Andererseits könne das höhere Mindestalter eine spätere Sucht eher verhindern. «Wer früh anfängt mit dem Rauchen, läuft eher ­Gefahr, abhängig zu werden.» Marcus Hien, Leiter Gesundheitsförderung und Prävention bei der Lungenliga Thurgau, ergänzt: «Die meisten erwachsenen Raucherinnen und Raucher haben bereits als Jugendliche mit dem Rauchen begonnen.» Im Umkehrschluss heisst das: Wer als Jugendlicher nicht raucht, hat grosse Chancen, ein Leben lang rauchfrei zu bleiben.

Die Anhebung des Mindestverkaufsalters begrüsst die Lungenliga Thurgau als Schritt in die richtige Richtung. Für einen wirksamen Jugendschutz müssten aber weitere Massnahmen ergriffen werden. So etwa ein Verkaufsverbot von ­Tabakwaren an Automaten sowie eine Bewilligungspflicht für Tabakverkaufsstellen. Dazu verweist die Lungenliga Thurgau auf im vergangenen Sommer durchgeführte Testkäufe des Blauen Kreuzes Schaffhausen-Thurgau: In ­ 56 Prozent der Fälle wurde Tabak widerrechtlich an Jugendliche verkauft. Weiter wäre aus Sicht der Lungenliga auch ein Werbeverbot am Verkaufsort sowie Verkaufsförderung durch Rabatte – etwa drei Packungen für den Preis von zwei – zu verbieten. Die Lungenliga unterstützt deshalb die Volksinitiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung». Diese wurde kurz vor Weihnachten 2017 lanciert. Noch im laufenden Jahr soll mit dem Sammeln von Unterschriften begonnen werden. Das Volksbegehren zielt darauf ab, Tabakwerbung weitgehend zu verbieten, inklusive Online- und Plakatwerbung.

Die 15- bis 17-Jährigen rauchen weniger

Rauchen im Thurgau mehr Leute als in anderen Kantonen mit höheren Alters­limiten? «Wir bewegen uns etwa im Schweizer Schnitt», sagt Judith Hübscher Stettler vom Gesundheitsamt. Wobei die Datenlage hinsichtlich einer ­spezifischen Altersgruppe recht dünn sei. Eine Befragung durch die Stiftung «Sucht Schweiz» förderte jüngst zutage, dass über 30 Prozent der 15- bis 25-Jährigen Schweizer rauchen. Interessant: Der Tabakkonsum der 15- bis 17-Jährigen ist leicht rückläufig, gleichzeitig zünden sich die über 20-Jährigen wieder vermehrt Zigaretten an.

Die Anhebung der Alterslimite betrifft auch die Verkaufsorte von Zigaretten. Ruedi Bartel wirtet in der «Krone» in Balterswil und präsidiert Gastro Thurgau. «Dann müssen wir einfach auf das höhere Alter schauen», sagt er. Wer heute in der «Krone» Zigaretten kaufen will, muss mit dem Ausweis belegen, dass er mindestens 16-jährig ist. Dann erhält er einen Jeton für den Automaten. «Doch junge Leute kaufen höchst selten Zigaretten im Restaurant», sagt Bartel. Der Verkauf sei in den vergangenen Jahren stark rückläufig. Gegen die neue Regelung lehnt sich Bartel nicht auf. «Dann ist es halt so.»

Mit finanziellen Kosequenzen aufgrund der schweizweiten Gleichschaltung des Mindestalters müssen Restaurants offenbar nicht rechnen. Urs Lutiger von der Bargames AG, die Zigarettenautomaten importiert und vertreibt, sagt: «Aus unserer Sicht kommen keine zusätzlichen Kosten auf die Betreiber zu, da die Automaten schon seit längerem mit einer Jugendschutzfunktion ausgerüstet sind.» Die einfachste Variante funktioniere – wie in der «Krone» in Balterswil – mittels Jeton. «Ob das nun 16 oder 18 Jahre sind, ist ja vom Prinzip her dasselbe», sagt Lutiger. Einzig Automaten, die mit einem Kartenleser der Identitätskarte ausgerüstet sind, müssten auf 18 Jahre umprogrammiert werden. «Das sollte aber kein grosses Problem darstellen.» Für Coop sagt Andrea Bergmann: «In diesem Fall schulen wir selbstverständlich unsere Verkaufsmitarbeitenden und passen unser Kassensystem an.»


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