"Vielen Flüchtlingen sind Spielplätze fremd"

THURGAU ⋅ Flüchtlinge haben viele Sorgen. Ein Baby oder Kleinkind macht die Sache nicht einfacher. Auch für die Mütterberaterinnen der Perspektive Thurgau kann das eine schwierige Situation sein. Trotzdem wollen sie diesen Eltern die gleichen Chancen bieten.
05. Dezember 2017, 06:52
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Alle frischgebackenen Eltern im Kanton werden über das kostenlose Angebot der Mütter- und Väterberatung der Perspektive Thurgau informiert. Die ausgebildeten Beraterinnen stehen für alle Fragen bis zum vollendeten fünften Lebensjahr des Kindes zur Verfügung. Beraterin Doris Boltshauser und Fachbereichsleiter Benedikt Fuhrimann erzählen von ihrer Arbeit – speziell vom Kontakt mit Eltern aus anderen Kulturen.


Doris Boltshauser, zu welchen Themen beraten Sie Eltern?
Boltshauser: Zu diversen Themen. Entwicklung, Erziehung, Ernährung, Pflege … Die Eltern können mit allem zu uns kommen. Ist eine andere Stelle zuständig – etwa eine Kinderärztin, ein Familien­berater oder der Psychiatrische Dienst –, verweisen wir die Eltern weiter. Wir vernetzen.
 

Zu vielen dieser Themen findet man heute im Internet massenweise Informationen. Hat das Ihre Arbeit verändert?
Boltshauser: Tatsächlich erzählen mir viele Eltern, sie hätten über ein Thema bereits gegoogelt, seien jetzt aber nur verwirrt. Ich glaube, die vielen Informationen können verunsichern, man weiss nicht mehr, was jetzt stimmt. Die Eltern holen bei uns Sicherheit.


Benedikt Fuhrimann, wie viele der frischgebackenen Eltern im Thurgau nehmen die Beratung in Anspruch?
Fuhrimann: Zwischen 55 und 60 Prozent der Eltern kommen zu einer ersten Beratung. Wir möchten die Öffentlichkeit vermehrt sensibilisieren, dass wir nicht nur im ersten Lebensjahr Beratung anbieten, sondern auch später. Die Übergangszeit in den Kindergarten ist recht sensibel, wie wir gemerkt haben. Für die Eltern kann es mehr Sicherheit bedeuten, wenn bekannte Bezugspersonen sie dabei begleiten.

Doris Boltshauser, Mütter-Väter-Beraterin. Zoom

Doris Boltshauser, Mütter-Väter-Beraterin.

Die Perspektive Thurgau hat ­vergangene Woche eine Weiter­bildung zum Thema «Flüchtlinge in der Beratung» organisiert. Was ist an der Arbeit mit dieser Zielgruppe speziell?
Boltshauser: Flüchtlinge brauchen das gleiche wie Schweizer Familien. Viele haben allerdings eine spezielle Wohnsituation – im Asylzentrum oder gemeinsam mit anderen Familien –, die für Eltern erschwerte Bedingungen darstellen können. Wir Beraterinnen zeigen echtes Interesse an ihnen, fragen, wie sie in ihrer Kultur Kinder betreuen und erzählen, wie es hier läuft. Dann finden wir einen gemeinsamen Nenner.

Wo bestehen die grössten Unterschiede?
Boltshauser: Manche halten die Babys und Kleinkinder schon anders als wir. Uns kommt es fremd und ruppig vor, für ihre Kultur ist das normal. Vielen Flüchtlingen sind zudem Spielplätze und ­Zimmer voller Spielzeug fremd. Manche sind sich auch nicht gewohnt, als Eltern alleine für das Spielen mit den Kindern zuständig zu sein. In ihrer Heimat gab es meist eine Grossfamilie, die sich gegenseitig half.


Benedikt Fuhrimann, Bereichsleiter Mütter-Väter-Beratung. Zoom

Benedikt Fuhrimann, Bereichsleiter Mütter-Väter-Beratung.

Gelingt die Kontaktaufnahme mit fremdsprachigen Flüchtlingen gut?
Fuhrimann: Zurzeit finanziert uns das kantonale Aktionsprogramm «Thurgau bewegt» die Dienste von externen interkulturellen Vermittlern. Diese sind zu unserem Angebot geschult und können den Erstkontakt für uns herstellen. Grundsätzlich ist die Erreichbarkeit von Familien mit Migrationshintergrund etwas schwieriger. Einerseits wegen der Verständigung, andererseits wegen des Familienzusammenhalts. Für diese Eltern kann es schwierig sein, ein Angebot mit fremden Werten anzunehmen. Damit die Chancengleichheit gegeben ist, achten wir sehr gut darauf, dass wir auch diese Familien erreichen.


Boltshauser: Flüchtlinge sind dagegen oft alleine hier. Uns rufen sogar Asyl­zentren an, weil auch sie froh sind, wenn jemand den Eltern dort hilft.

Fuhrimann: Für eine halbe Stunde können wir die Flüchtlinge aus ihrer Hoffnungs- und Hilfslosigkeit herausholen.

Welche Erfahrungen sind Ihnen bei der Beratung von Eltern aus anderen Kulturen in Erinnerung geblieben?
Boltshauser: Der riesige Berg an Sorgen, den die Flüchtlinge haben. Sie erhofften sich das Paradies, haben jetzt aber kein Geld, keine ideale Unterkunft, wissen nicht, was ihr Status bedeutet, wie es weitergeht und kämpfen mit der Bürokratie in der Schweiz. Wir stehen da an und denken, dass wir ja gar nicht alles lösen können. In der Weiterbildung ­letzte Woche wurden wir darin bestärkt, dass wir eine Veränderung in kleinen Schritten angehen müssen und nicht resignieren dürfen, wenn sich beim nächsten Besuch noch nichts verändert hat. Viele Flüchtlinge schätzen es sehr, wenn jemand aus der Schweiz zu ihnen kommt und ihnen zuhört. Wir bieten manchmal auch praktische Hilfe an. Gehen zum Beispiel gemeinsam ins Sprachkafi oder zeigen, wie sie zu uns in die Beratungsstelle gelangen. Es sind sehr schöne Momente, wenn die Eltern unsere Anwesenheit und uns als Personen schätzen. Mir wurde schon Tee und Gebäck aus der jeweiligen Kultur angeboten.


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