Samariter mit Schülerthek: Wenn Kinder Erste Hilfe lernen

NOTFALL ⋅ In einer Kreuzlinger Schule lernen Kinder spielerisch Erste Hilfe – und stärken dabei auch ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Nun will der Samariterverband Thurgau das Projekt «Schulsamariter» auf weitere Schulen im Kanton ausweiten.
08. April 2018, 10:37
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Der Alltag ist mit Gefahren gepflastert: Strassenverkehr, Treppen, ein rutschiger Pausenplatz. Passiert ein Unfall, ist die Hilfe in den ersten Minuten entscheidend. Deshalb haben der Schweizerische Samariterbund und die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega das Projekt «Schulsamariter» ins Leben gerufen. Im Thurgau wurden die ersten kleinen Samariter vor fünf Jahren ausgebildet, am Kreuzlinger Schulzentrum Bernegg. Ursi Held ist Botschafterin der Schulsamariter. Die Kreuzlingerin hat bisher rund ­ 60 Schülerinnen und Schüler in die Erste Hilfe eingeführt – jeweils im Rahmen einer Projektwoche im Bernegg. Mit Erfolg, wie sie bilanziert. Ein Schulsamariter hat ihr jüngst erzählt, dass sein Vater den Fuss verstaucht habe. «Begeistert hat er mir erzählt, dass er sofort gewusst hat, was zu tun war.»

Die Ausbildung erfolgt ­ spielerisch – ohne Druck und Noten

Dass es sich um ein sinnvolles Projekt handelt, davon ist Ursi Held überzeugt: «Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung kennt nicht einmal die Notrufnummer 144.» Die Schulsamariter wissen nicht nur, welche Nummer sie im Notfall wählen müssen. In der 14-stündigen Ausbildung lernen die Kinder noch viel mehr: So wird beispielsweise ein Velounfall nachgestellt, die richtige Lagerung der verunfallten Person geübt, ein Verband angelegt, eine Blutung gestillt. Auch die Sicherung der Unfallstelle wird thematisiert. Vom Inhalt, der vermittelt wird, kommt es einem Nothilfekurs gleich, den Erwachsene im Vorfeld der Fahrprüfung absolvieren müssen.

Die Ausbildung erfolgt stufengerecht. So gibt es ein spezielles Lehrmittel für Mittel- sowie Oberstufenschüler. «Alles im spielerischen Rahmen», sagt Ursi Held. Kein Druck, keine Noten. Auch der Tatsache, dass nicht immer ein Verbandskoffer zur Hand ist, wird Rechnung getragen. «Dann kommt halt ein Schal oder ein Küchentuch zum Einsatz», sagt die Schulsamariter-Botschafterin. Das Motto, dass sich alle Samariter auf die Fahne geschrieben haben, gilt auch für die kleinen Helferinnen und Helfer: «Nur Nichtstun ist falsch.» Von der Vorstellung, dass ein Verband nur auf eine Art richtig angebracht werden kann, habe man sich verabschiedet. Ursi Held illustriert diese Haltung auch an einem Beispiel: Ein Schüler habe ihr erzählt, dass er einen Mann angetroffen habe, der aus dem Rollstuhl gefallen ist. Der Knabe habe realisiert, dass er ihm mangels Kraft nicht wieder in den Rollstuhl helfen kann. «Dann», sagt Ursi Held, «hat er Hilfe geholt.» Dies zeige, worauf das Projekt abzielt: Jeder soll im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen. «Es geht um die Sensibilisierung, dass jeder etwas tun kann.» Die Botschafterin findet es wichtig, dass bereits Kinder an dieses Thema herangeführt werden. Doch ein gewisses Alter, einen gewissen Erfahrungsschatz müssen sie dafür mitbringen: «Ab der vierten Klasse ist es sinnvoll.»

In Kreuzlingen habe sich gezeigt, dass es für die Persönlichkeitsbildung der Kinder wertvoll ist. «Die Schüler gewinnen an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit», sagt Ursi Held. Auch das Verantwortungsgefühl werde gestärkt. Das hätten ihr Lehrpersonen bestätigt. Die Schüler erhalten nach der Ausbildung ein Diplom als Schulsamariter. Oberstufenschüler bekommen zudem den Nothilfeausweis, der für die Fahrprüfung benötigt wird. Im Schulzentrum Bernegg kommen die Schulsamariter zum praktischen Einsatz. Zwei Schüler patrouillieren mit einer Samariter-Weste während der Pausen. «Sie haben auch eine Bauchapotheke dabei und wissen, dass sich die grössere im Lehrerzimmer befindet», sagt Ursi Held. Die kleinen Samariter weisen andere Schüler zum Beispiel auf gefährliche Situationen hin – ein offener Schuhbändel beispielsweise. Mit der Ausbildung alleine ist das Projekt noch nicht zu Ende: Die Schulsamariter besuchen in der Samariterjugendgruppe regelmässig Weiterbildungen. Hier können sie über ihre «Notfälle» berichten und lassen sich die angewendeten Massnahmen bestätigen oder berichtigen.

Auf der Suche nach weiteren Schulen

Der Samariterverband Thurgau will nun das Projekt auf weitere Schulen im ­Kanton ausweiten. In der aktuellen Zeitschrift des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden informieren die Samariter darüber. Dabei verweisen sie darauf, dass der Zeitaufwand für Lehrpersonen pro Jahr rund einen halben Tag beträgt. Die Botschafterin der Schulsamariter sagt, es hätten bereits Gespräche mit ­einigen Schulen stattgefunden. Als Verkaufsargument wird in der Zeitschrift etwa aufgeführt, dass damit die Erste Hilfe an der Schule gewährleistet sei und ein positives Signal an das Umfeld der Schule durch das Fördern der Themen Sicherheit und Erste Hilfe gesendet werde. Zudem werden die Lehrpersonen, welche Verantwortung tragen, entlastet.

Auch der Schweizerische Samariterbund ist bestrebt, das Projekt an weiteren Schulen zu etablieren. Das sagt Sprecherin Stefanie Oehler auf Anfrage. «Das Projekt Schulsamariter soll einen Beitrag dazu leisten, dass wir unserer Vision ­näherkommen: In jedem Haushalt der Schweiz soll jemand in der Lage sein, Erste Hilfe zu leisten.» Aktuell laufe das Projekt an acht Schulen schweizweit. Bisher wurden rund 150 Schulsama­riterinnen und Schulsamariter in den Kantonen Tessin, Wallis, Bern, Thurgau, St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden ausgebildet.

Hinweis

Informationen www.samariter-thurgau.ch und www.samariter.ch


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