Programmieren lernen mit Kätzchen und Käfer

LEHRPLAN ⋅ Ab dem Schuljahr 2020/21 muss in Thurgauer Volksschulen das Modul «Medien und Informatik» unterrichtet werden. An der PHTG ist Medienbildung schon seit Jahren Teil der Ausbildung. Doch was genau lernen die angehenden Lehrer da?
12. November 2017, 08:05
Larissa Flammer
Im Raum hinter den Glaswänden der Pädagogischen Hochschule (PH) Thurgau stehen keine Computer. Was verwundert. Schliesslich lernen hier angehende Sek-Lehrpersonen, wie sie Schülern die im neuen Modul «Medien und Informatik» geforderten Kompetenzen näher bringen können. Dozent Matthias Fuchs erklärt: «Wir lehren hier nicht das Zehn-Finger-System oder Excel-Kenntnisse.» Er und sein Kollege Rolf Deubelbeiss setzen viele Kenntnisse voraus. Die Studenten, von denen die meisten im 7. Semester sind, streifen verschiedene Themen und lernen, wie sie diese in einen Unterricht einfliessen lassen könnten.

Gleich in der zweiten Veranstaltung des Semesters üben die Studenten gemeinsam mit Sek-Schülern Programmieren. Werkzeug ist «Scratch», eine erziehungsorientierte visuelle Programmiersprache. Diese wurde vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) entwickelt und fängt ganz einfach an: Vorgefertigte Befehle können wie Bausteine aneinandergekettet werden und ein virtuelles Kätzchen befolgt diese. «Die Sekschüler waren begeistert», erzählt Deubelbeiss. Von den Studenten kannte noch niemand «Scratch». Einige haben sich einfach an die Anleitung gehalten, andere haben selber mehr vorbereitet. «Das ist unser Konzept: Wir werfen die Studenten manchmal ins kalte Wasser», sagt Fuchs. Bei der Übung mit «Scratch» hat es funktioniert. 

Jüngere Schüler kommen auf einfachere Art und Weise mit Informatik in Kontakt. Kindergartenkinder spielen zum Beispiel mit einem grossen Plastikkäfer auf Rädern. Dieser lässt sich mit Tasten auf einem schachbrettähnlichen Feld bewegen. Primarschüler arbeiten mit einem kleineren Roboter auf Rädern, der Farben sieht. Um ihn gemäss Aufgabenstellung zu lenken, müssen farbige Linien als Befehle gezeichnet werden.

(Larissa Flammer)

Wie ticken die Jugendlichen von heute?

Die Frage, ob Smartphones im Unterricht eine Chance oder eine Gefahr sind, wird im Verlauf des Semesters genauso behandelt werden wie die Frage, ob Schüler wohl künftig ein eigenes Tablet genauso selbstverständlich mitbringen sollen wie einen Fülli oder ein Etui. Auch die Themen Medienerziehung und Fake News kommen im PH-Modul «Fachdidaktik Medien und Informatik» vor.

In der dritten Veranstaltung besprechen die Studenten den Film «Amateur Teens». Dieser handelt vom Alltag der Teenager an einer Zürcher Sekundarschule im Zeitalter von Internet und Social Media. «Der Film ist nahe an Teenagern dran. Auch an Alkohol und Sex», sagt Fuchs. Er will von den Studenten wissen, ob die heutige Jugend ihrer Meinung nach tatsächlich so fies und versaut ist. Ob es normal ist, dass 14-Jährige ständig Sex im Kopf und das Smartphone zur Hand haben. Und ob die Macht der Sozialen Medien einen negativen Einfluss auf die Jugendlichen hat. Die Ansichten gehen auseinander: «Cool und sexy sein war schon immer sehr wichtig», sagen die einen. «Die Jugendlichen sind tatsächlich so fies», sagen andere. «Es kommt ganz auf Familie und Freunde der jeweiligen Person an», sagen wieder andere.

Absolventen der PHTG sind fähig, dieses Fach zu unterrichten

«Mein Eindruck als Vater von Sekschülern lautete: Die meisten Lehrer haben keine Ahnung, wie die Jugendlichen so sind», sagt Fuchs. Er hält es für eine problematische Entwicklung, wenn ältere Lehrer sich fragen, was sie mit den heutigen Jugendlichen anfangen sollen, «weil die ja eh schon alles können». Wie der Dozent in einer Studie herausgefunden hat, können nämlich die wenigsten Sekschüler Fotos bearbeiten, Videos schneiden, Musik aufnehmen oder Programmieren, wie es der Lehrplan vorsieht. «Das bietet uns eine grosse Spielwiese», sagt Fuchs.

Die beiden Dozenten haben an der PH Zürich am Aufbau des Fachs Medienbildung mitgearbeitet. Als Fuchs nach Kreuzlingen kam, entstand gerade der Studiengang Sek I. «Das war eine einmalige Chance, die Medienbildung gleich von Anfang an einzubauen», sagt er. Die Thurgauer Ausbildung in diesem Bereich sei deshalb eine der besten, wie Fuchs sagt. «Hier müssen das auch alle Studenten lernen», sagt Deubelbeiss. Weil quasi in allen Fächern Bezüge zu Medien hergestellt werden können, halten es die beiden Dozenten für entscheidend, dass ein Klassenlehrer diese Kompetenzen selber vermitteln kann. «Informatik kann eher ein Fachlehrer übernehmen», sagt Fuchs. Er hört es gar nicht gerne, wenn es heisst, Lehrer seien nicht auf die im Lehrplan 21 neu geforderten Kompetenzen hinsichtlich Medien und Informatik vorbereitet. «Sie sind fähig, dieses Fach zu unterrichte», sagt er zu seinen Studenten.

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