Jetzt kommen die Zürcher ans Thurgauer Bodenseeufer

THURGAU ⋅ Das Thurgauer Bodenseeufer wird immer beliebter. Nachdem es in den vergangenen Jahren zu Preisübertreibungen kam, ist die Südküste jetzt auch wieder bezahlbar. Doch Bauland gibt es kaum noch – vor allem nicht mit Seeanstoss.
09. Juli 2017, 13:41
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Der Thurgauer Liegenschaftsexperte Werner Fleischmann stellt fest, dass die Wohnregion am Schweizer Bodenseeufer wieder vermehrt in den Fokus rückt. Im gehobenen Segment der Einfamilienhäuser habe sich eine neue Dynamik entwickelt.

Werner Fleischmann, wer kann es sich leisten, direkt am Bodensee zu wohnen?

Das Familiensegment kann man für diese Gegend leider ganz ausschliessen. Es sind aber schon Leute von hier, die sich sagen: «Warum soll ich in Frauenfeld wohnen und nicht am See?» Natürlich gibt es aber auch Leute aus Winterthur und Zürich, die sich für den Bodensee interessieren. Das wird dadurch begünstigt, dass der Fahrplan des öffentlichen Verkehrs ab Ende 2018 für die Seeregion eine weitere Zeitersparnis nach Zürich mit sich bringt.

Liegt das Interesse am Bodensee auch daran, dass die Küste des Zürichsees schon fast gänzlich verbaut ist?

Sie ist vor allem viel teurer.

Wie sieht es mit den Deutschen aus: Suchen sie nach Wohnraum am Schweizer Bodenseeufer?

Nein, nicht mehr in dem Masse wie früher. Das hat sich ganz klar beruhigt.

Wie sieht denn der Immobilienmarkt am Seeufer aus?

Die Nachfrage ist immer noch recht gross. Nach einer Verschnaufpause ist in der Seeregion eine neue Dynamik zu spüren. Das zeigt sich an der wieder anziehenden Nachfrage nach Immobilien mit Seeblick und an diversen geplanten Bauvorhaben.

Woher kommt diese neue Dynamik?

Vor allem am Untersee wurde in den vergangenen Jahren viel gebaut. Eigentumswohnungen sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, nachdem die Preise in bevorzugten Regionen im Grossraum Zürich und in Süddeutschland zum Teil ins Unermessliche gewachsen sind. Dadurch sind die Preise am Untersee gestiegen und wurden zu hoch. Es fanden sich keine Käufer mehr. Die Eigentümer mussten die Preise senken, wodurch jetzt wieder bezahlbare Objekte auf dem Markt sind. Damit steigt auch die Nachfrage wieder.

Wie viele freie Grundstücke gibt es denn noch am Thurgauer Seeufer?

Boden ist allgemein rar. Vor allem am See hat es kein Bauland mehr. Das ist ein Preistreiber für die wenigen noch vorhandenen Grundstücke. Wir von Fleischmann Immobilien vermarkten zum Beispiel aktuell ein Grundstück in Ermatingen direkt am See. Und das wollen jetzt alle. Die 2000 m2 kosten über 2,5 Millionen Franken – dabei hat es nur Platz für ein Haus.

Wie sieht es mit leerstehenden Immobilien aus?

Vor allem am Untersee hat es wie gesagt zurzeit einige Objekte auf dem Markt. Personen in dieser Vermögensklasse habe aber meist hohe Ansprüche an ein Haus. Ein 30 Jahre altes Objekt erfüllt diese dann nicht mehr. Viele Menschen staunen, wenn an guter Lage ein Haus abgebrochen wird, obwohl es noch schön aussieht. Aber der Boden ist halt mehr wert als das Haus.

Gibt es viele Häuser, die über einen privaten Seeanstoss verfügen?

Die meisten Neuzuzüger sagen, sie wollen ein Haus mit Seeanstoss. Denen muss ich sagen, dass es das kaum gibt.

Woran liegt das?

Die bestehenden Grundstücke sind bereits weg und überall sonst darf oder kann man nicht direkt am See bauen. Oft führt zum Beispiel die Strasse oder die Bahn am Ufer entlang.

Wie stehen Sie zur Forderung, das Seeufer müsse überall für die Öffentlichkeit zugänglich sein?

Da bin ich ganz klar dagegen. Die Überlegung, dass der See und das Ufer der Öffentlichkeit gehören, ist zwar nett. Doch dann müsste man den Boden den Privaten wegnehmen, die ihn heute besitzen. Seeufer ist zudem für Gemeinden wichtiges Land, weil dort steuerlich interessante Personen wohnen. Und das Seeufer ist dort, wo es der Öffentlichkeit gehört, oft schmuddelig. Private kümmern sich um ihr Stück Land.


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