Mehr Würde auf dem Sterbebett

PALLIATIVBETTEN IN DER OSTSCHWEIZ ⋅ Die Umsetzung des kantonalen Konzepts für Palliative Care ist im Thurgau auf gutem Weg. Vorreiter war aber der Kanton St. Gallen. Ein regionaler Fachverband koordiniert die Umsetzung der nationalen Strategie.
20. Juli 2017, 05:16
Larissa Flammer, Roman Hertler

Larissa Flammer, Roman Hertler

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Am Kantonsspital St. Gallen wurde 1989 die erste Palliative-Station der Schweiz eingerichtet. Dem Grundsatz der Palliative Care, einer umfassenden Sterbebegleitung, die sich nicht nur auf die Linderung von Symptomen beschränkt (siehe Kasten), wird in der Ostschweiz seit fast 30 Jahren nachgelebt. 2002 lancierte die Krebsliga St. Gallen-Appenzell den palliativen Brückendienst. Dieser ermöglicht es schwerkranken Menschen, ihre letzte Lebensphase trotz belastender Symptome zu Hause zu verbringen. Zwei Jahre später wurden am Kantonsspital St. Gallen Palliative-Lehrgänge eingerichtet.

2003 entstand das Palliativnetzwerk Ostschweiz (heute Palliative Ostschweiz) mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und die Vernetzung zu fördern. Nun zog auch der Kanton mit: 2005 lancierte das St. Galler Gesundheitsdepartement eine Bildungsoffensive, deren Ziel es war, Palliative Care flächendeckend anzubieten. So hat sich in St. Gallen ein Palliativnetzwerk eta­bliert, lange bevor das Thema aufs bundespolitische Tapet kam.

Palliative Care erstreckt sich bis zur Trauerarbeit

Heute umfasst der Fachverbund Palliative Ostschweiz als Sektion des nationalen Fachverbandes die Kantone St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell und Glarus sowie das Fürstentum Liechtenstein. «Unsere Hauptaufgabe ist die Vernetzung aller beteiligten Akteure», sagt die derzeitige Präsidentin Karin Kaspers Elekes, hauptamtlich evangelische Spitalseelsorgerin in Münsterlingen. Gemeint sind damit Hausärzte, Spitäler, Pflegeinstitutionen, Spitex-Vereine, psychologisches und seelsorgerisches Betreuungspersonal sowie in Hospizgruppen organisierte Freiwillige. Im Vordergrund stehe immer der Patient, seine bestmögliche Lebensqualität, aber auch die Angehörigen. Neben der körperlichen sind dabei auch die psychische, soziale und spirituelle Dimension des Menschen im Blick. «Am Lebensende beschäftigen Patienten nicht selten Fragen, die sie sich zuvor nicht gestellt haben.» Auch soziale Fragen sind Teil von Palliative Care: Wer kümmert sich in Zeiten zunehmender Anzahl von Singlehaushalten, oder wenn sonst keine Angehörigen da sind, um die finanziellen Angelegenheiten? «Pallia­tive Care bezieht sich nicht bloss auf die allerletzten Tage des Lebens», sagt Kaspers Elekes. «Sie erstreckt sich über den Zeitraum der letzten Lebensphase von der Diagnose bis zur Trauerarbeit mit den Angehörigen auch nach dem Tod des Patienten.»

Bei der Erarbeitung kantonaler Palliative-Konzepte war und ist der Verein Palliative Ostschweiz massgeblich beteiligt. Ein erstes Konzept hat der Thurgau 2010 vorgelegt. 2014 folgte Appenzell Innerrhoden, 2015 St. Gallen und in diesem Frühjahr Appenzell Ausserrhoden. Zwischen Palliative Ostschweiz und den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell bestehen jeweils Leistungsvereinbarungen. Mit dem Thurgau sind entsprechende Verhandlungen im Gange.

Im Thurgau ist das Recht auf ­Palliative Care verankert

«In der Zusammenarbeit mit den Kantonen gilt es, den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kulturen gerecht zu werden», sagt Kaspers Elekes. In St. Gallen beispielsweise hat man bisher auf die Strategie zur Verbreitung des Palliative-Konzepts «von unten» gesetzt: Möglichst breites, auf Freiwilligkeit basierendes Bildungsangebot im ganzen Kanton. Gesetzlich festgeschrieben ist Palliative Care in St. Gallen noch nicht. Im Thurgau dagegen wurde das Recht auf Palliative Care aufgrund einer 2009 angenommenen kantonalen Volksinitiative gesetzlich verankert.

«Mit der Erstellung des Konzepts haben wir zugewartet, bis die Strategie des Bundes da war», erklärt Susanna Schuppisser, stellvertretende Chefin des Thurgauer Amts für Gesundheit. Bei der Erarbeitung des Konzepts seien auch Experten aus St. Gallen dabei gewesen und die Palliative-Station angesehen worden. «Unser Spezialistenteam ‹Palliative Plus TG› – das Pendant zum St. Galler Brückendienst – soll aber nicht pflegen, sondern die Spitex und Ärzte unterstützen.» Nach der Verankerung des Konzepts finanzierte der Kanton Thurgau die Fort- und Weiterbildungen für alle Pflegenden, Ärzte und Freiwilligen auf verschiedenen Niveaus. «Die Grundausbildung konnte auch in einem Pflegeheim stattfinden, damit alle Angestellten – auch die Köche – in der Haltung von Palliative Care geschult wurden», sagt Schuppisser. Spitex-Organisationen und Pflegeheime müssen zudem seither für die Betriebsbewilligung ein eigenes Palliative-Konzept vorweisen.

Ostschweiz steht mit Angebot gut da

Zu Beginn hat sich im Thurgau Widerstand gegen das Palliative-Konzept geregt. Vor allem aus dem Bereich der medizinischen Versorgung, wie Schuppisser sagt. «Es hiess, dass man ja schon immer Menschen bis zum Tod begleitet habe. Das stimmt natürlich.» Der Unterschied sei die interprofessionelle Zusammenarbeit und der Grundsatz des alle Dimensionen umfassenden Mantels.

Hier kommt wieder Palliative Ostschweiz ins Spiel: Damit die interprofessionelle Zusammenarbeit funktioniert, braucht es eine noch stärkere Vernetzung. Insbesondere auf kommunaler Ebene. Dazu werden aktuell Foren eingerichtet, welche in etwa den Einzugsgebieten der Spitex-Vereine entsprechen. «Mit dem bisherigen Palliative-Angebot steht die Ostschweiz gut da», sagt Kaspers. In St. Gallen ist für 2018 die Eröffnung eines Hospiz geplant (siehe Karte). Ein solches gibt es im Thurgau nicht. «Der Bedarf nach einem Sterbehospiz hat sich bisher nicht gezeigt», sagt Susanna Schuppisser. Im Kantonsspital Münsterlingen gibt es dafür seit 2010 ebenfalls eine Palliative-Station und in Weinfelden die Hospizwohnung der Krebsliga Thurgau. Hinzu kommen die vielen ambulanter Palliativspezialisten und jene, die in Spitälern und Institutionen arbeiten, die nicht speziell dafür zertifiziert sind, aber trotzdem über weitreichende Kenntnisse und Kompetenzen verfügen. Nicht zu vergessen sei auch die Freiwilligenarbeit, ohne die eine derart breite Abdeckung an Palliative-Angeboten undenkbar wäre, so Karin Kaspers Elekes. Ihr Wunsch ist es, dass die Haltung, die Palliative Care bedeutet, die Gesellschaft bewegen wird und sich insgesamt vermehrt auf eine «Fürsorgekultur» hin weiterentwickelt. Eine solche würde mehr Lebensqualität für alle Menschen generieren – auch für das «Leben bis zuletzt».


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