In jeder Schulklasse einen Master

BILDUNG ⋅ Der nationale Lehrerverband diskutiert, ob auch Primarschullehrer einen Master haben müssen. Thurgauer Lehrerinnen und Lehrer stehen diesem Ansinnen skeptisch gegenüber. Die Thurgauer Bildungsdirektorin Monika Knill plädiert für das heutige System.
11. Dezember 2017, 10:00
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Primarlehrerinnen und -lehrer müssen lange zur Schule. Im Thurgau in der Regel mindestens fünfzehn Jahre – ihre Kindergartenjahre nicht eingerechnet. Nach dem dreijährigen Bachelor an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, der drei Jahre dauert, können sie eine Stelle im Klassenzimmer antreten, um Primarschüler von der ersten bis zur sechsten Klasse zu unterrichten. Heute noch. Denn: Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) packt ein bildungspolitisch heisses Eisen an. Er stellt einen Masterabschluss für alle Lehrpersonen – vom Kindergärtner bis zur Seklehrerin – zur Diskussion. Das bedeutet: Primarlehrpersonen müssten noch länger die Schulbank drücken. Ein Master dauert – im Vollzeitstudium – nochmals drei Semester. Ein entsprechendes Positionspapier hat die Präsidentenkonferenz des LCH im November in erster Lesung beraten. Und zwar im Thurgau, in der beschaulich-besinnlichen Atmosphäre der Kartause Ittingen.

Thurgauer Lehrer haben viele Fragen

Bereits der Titel des Papiers «Master für alle Lehrpersonen» sorgt für Zündstoff. Auf Anfrage gibt es der LCH zwar nicht heraus. Es «befindet sich noch in Bearbeitung», lautet die Begründung. Bis zur Veröffentlichung werde es «sicherlich Frühjahr 2018». Die Stossrichtung ist aber klar. Diese kristallisiert sich bei der Lektüre der aktuellen Verbandszeitschrift heraus. Als Argument für eine Verlängerung des Lehrerstudiums wird angeführt: «Heute müssen Lehrpersonen häufig nach der Ausbildung zusätzliche Kurse besuchen, da die Ausbildungszeit nicht reicht, um alle Inhalte in der nötigen Tiefe zu vermitteln.» Mit einer Verlängerung der Grundausbildung soll eine «Verbesserung der Berufseinführung» bewirkt werden. Nach Vorstellung des LCH soll die Masterausbildung berufsbegleitend sein, was hiesse: Lehrer wären nebenbei auch noch Schüler. Aus involvierten Kreisen ist ein weiteres Argument für den Master zu hören: eine Angleichung an das Niveau der OECD-Länder. In Staaten wie Deutschland und Frankreich, die Mitglied bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind, gehö­ren Lehrer mit Masterabschluss zum Standard in den allen Klassenzimmern.

Die Thurgauer Lehrerschaft reagiert skeptisch auf die Stossrichtung des ­nationalen Verbandes. Das zeigte sich an der Delegiertenversammlung von Bildung Thurgau, dem Thurgauer Lehrerverband. Neben den ordentlichen Traktanden wie Budget und weiteren Themen behandelten die Lehrerinnen und Lehrer in einem Workshop auch das heisse Eisen. Das dominierende Satz­zeichen in der Diskussion war das Fragezeichen. Und zwar bei jüngeren Lehrerinnen wie erfahrenen Lehrern. Wieso brauchen Primarschullehrkräfte einen Master? Mit welchem Inhalt wird die zusätzliche Ausbildungszeit gefüllt? Was bedeutet das für altrechtliche Lehrpersonen wie Seminaristen? Würde der Lohn angehoben? Ist die öffentliche Hand bereit, dies zu finanzieren?

Nicht zuletzt war zwischen den Zeilen zu hören, dass mit dem Ansinnen des nationalen Verbandes eine Kritik einhergeht: Führt man den Job heute nicht gut genug aus? Als es schon längst dunkel war, endete die Versammlung. Licht ins Dunkel der vielen Fragen bringt wohl erst die Zukunft.

Bei den Erziehungsdirektoren derzeit kein Thema

Monika Knill ist Thurgauer Bildungsdirektorin. Auf Anfrage erinnert sie daran, dass die Frage «Ausdehnung des Studiums auf Masterstufe» 2009/2010 auch innerhalb der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) breit diskutiert worden sei. «Schon damals habe ich mich dafür ausgesprochen, dass – trotz nachweislich gestiegener Anforderungen – die Lehrpersonen im Bereich Kindergarten und Primarstufe eine möglichst breite, generalistische Ausbildung erhalten sollen.» Ihre Haltung: «Die bestehende, dreijährige Bachelorausbildung soll beibehalten werden.» Diese Meinung habe die Mehrheit der Kantone ebenfalls vertreten. Das bestätigt die EDK auf Anfrage.

Der neu entfachten Grundsatz­diskussion will sich Knill aber nicht verschliessen. Sie erachte es als opportun, dass über Ausbildungen und deren Weiterentwicklung in gewissen Abständen wieder diskutiert wird und «hierzu insbesondere der LCH ein besonderes Interesse anmeldet».

Allein schon wegen der Diskussion über einen «Master für alle Lehrpersonen» stehe der Thurgau aber noch nicht unter Zugzwang. «Da an unserer PHTG nur Lehrdiplome erworben werden, welche schweizweit EDK-anerkannt sind.» Knill betont: «Allfällige Änderungen der Ausbildungen würde einen grösseren bildungspolitischen Prozess auslösen.» Gedanken, was das für die PHTG bedeuten würde, müsse sich die einzige Hoch­schule im Kanton noch keine machen.

Formell definiert die Erziehungsdirektorenkonferenz in Reglementen, welchen Mindestvorgaben die Ausbildung der Lehrpersonen entsprechen muss, ­damit eine gesamtschweizerische Anerkennung möglich ist. Bestrebungen, den Mindestumfang der Grundausbildung für die Stufen Kindergarten und Primarschule zu erhöhen, gebe es zurzeit innerhalb der EDK keine. Dies teilt die Kommunikationsbeauftragte Gabriela Fuchs auf Anfrage mit.

Ob in Zukunft Thurgauer Primarlehrerinnen und -lehrer noch länger die Schulbank drücken müssen als heute, das steht – passend zur Adventszeit – in den Sternen.


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