Hermann Hess: «Ich bin mit mir selber im Reinen»

RÜCKTRITT AUS NATIONALRAT ⋅ FDP-Nationalrat Hermann Hess kehrt Bern den Rücken. Das Besondere daran: Der Unternehmer ist erst zwei Jahre im Amt. Geht er, weil er gar nie richtig angekommen ist? Er wolle einfach einer jüngeren Kraft Platz machen, sagt Hess im Interview.
14. September 2017, 19:25
Christian Kamm
Hermann Hess, Sie treten per 26. November aus dem Nationalrat zurück. Sind Sie erleichtert?
Aus der Begründung meines Rücktritts wird sichtbar, dass ich es mir gut überlegt habe. Ich bin mit mir selber im Reinen.

Eine freiwillige Demission schon nach zwei Jahren ist in Bundesbern selten.
Das kann sein. Aber ich schaue nicht auf die anderen. Ausgangspunkt war die Betrachtung meiner bisherigen politischen Tätigkeit in Bern und meiner Lebenssituation. So bin ich zum Schluss gekommen, dass das der richtige Schritt ist.

Hatten Sie jemals das Gefühl, im Bundeshaus richtig angekommen zu sein?
Auf jeden Fall. Ich habe immer dazugehört. Einige Leute, und nicht nur in meiner Fraktion, wussten im Voraus von meiner Rücktrittsabsicht und bedauern meinen Entscheid ausserordentlich. Dass ich im Rat nicht als Sprecher aufgetreten bin, hatte damit zu tun, dass ich keiner gesetzgebenden Kommission angehöre. Vorstösse habe ich nicht eingereicht, weil ich keinen konkreten Anlass sah.

Die FDP-Fraktion hat es Ihnen nicht leicht gemacht. Sie wollten in die Kommission für Soziales und Gesundheit, gelandet sind Sie in der wenig publizitätsträchtigen Geschäftsprüfungskommission. Ein Fehlstart?
Nein. Viele Neumitglieder fangen dort an. Der Thurgau ist wenig bekannt in Bern. Aber ich wurde fraktionsintern bezüglich meiner Potenziale auch nicht befragt, sondern die Sachen sind halt so verteilt worden.

Mauschelei?
Das nicht. Wer diese Entscheidungen trifft, weiss ich nicht. Ich bin seit bald 40 Jahren Arbeitgeber und habe schon oft mit dem Thema Altersvorsorge zu tun gehabt. Ich bin aber nicht Hausieren gegangen damit und war nie ein grosser Taktiker. Jetzt kämpfe ich halt an der Abstimmungsfront gegen die AHV-Vorlage.

Sie führen persönliche Gründe für Ihren Rücktritt an.
Im Dezember werde ich 66 Jahre alt, und es ist wunderbar, dass es mir gut geht. Wenn ich jetzt noch drei bis vier Jahre bliebe, wäre ich bereits 70. Zumal hinter mir aber jemand bereitsteht, der 15 Jahre jünger ist, die Aufgabe gerne übernehmen würde und auch eine gute Stimmenzahl erzielt hat, so frage ich mich: Weshalb soll nicht er das machen?

Ihr Alter war schon bekannt, als Sie sich aufstellen liessen. Und auch, dass Sie kleine Kinder haben.
Die FDP Thurgau hat das ebenfalls gewusst. Bei der Zusammenstellung der Liste bin ich damals bewusst in den Ausstand getreten. Die Partei wollte mich unbedingt. Eigentlich habe ich erwartet, dass jemand anders das Rennen machen würde. Meine Wahl war eine Überraschung, auch für mich. Mein hauptsächlicher Antrieb war immer, der FDP Schub zu verleihen und sie vorwärts zu bringen. Und das ist gelungen.

Bleibt trotz Kurzgastspiel etwas bei Ihnen hängen?
Ich empfand es als grosse Ehre, nach Bern gehen zu dürfen. Und ich habe viel gelernt über das Funktionieren des Bundesstaates, das Verhältnis zwischen den Kantonen und dem Bund, über das Zweikammern-System.

Umgekehrt gefragt: Was soll von Ihnen in Bern in Erinnerung bleiben?
Da bin ich sehr anspruchslos. Ich glaube aber, dass mich die Fraktion geschätzt hat. Denn ich bin einer der wenigen völlig unabhängigen Nationalräte. Ich hänge finanziell nicht von diesem Mandat ab, bin finanziell überhaupt von niemanden abhängig, vertrete keine Branche, keinen Verband und keine Organisation. Ich konnte immer ohne Instruktionen abstimmen.

Wir haben Sie schon letzten Juli gefragt, ob Ihre Wahl ein Missverständnis gewesen ist. Antwort: Überhaupt nicht. Was antworten Sie jetzt?
Genau das Gleiche. Wenn man sich zur Wahl stellt, muss man auch bereit sein, sie anzunehmen. Das habe ich getan. Und ich habe die wichtigste Arbeit, nämlich das Nachdenken und Entscheiden über die vielen Geschäfte, ebenso gemacht wie alle anderen. Wie lange man dann bleibt, hängt auch von den Umständen ab. Wäre ich in einer Kommission in viele interessante Projekte involviert gewesen, so hätte ich auch noch etwas länger machen können. Das ist aber nicht der Fall. Also habe ich entschieden, Hansjörg Brunner den Vortritt zu lassen.

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