Herr des Krebs-Registers

MÜNSTERLINGEN ⋅ Seit einem Jahr sind die Zahlen von Neuerkrankungen an Krebs im Thurgau öffentlich. Der Onkologe Christian Taverna kann aufgrund der Daten aber erst in Zukunft Aussagen machen.
14. Februar 2018, 05:21
Florian Beer

Florian Beer

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Christian Taverna ist ein viel beschäftigter Mann. Der gebürtige Winterthurer ist neben seiner Funktion als leitender Arzt der Onkologie am Kantonsspital in Münsterlingen auch Präsident der Thurgauer Krebsliga und des Registerrates des Krebsregisters Thurgau. Als wäre das nicht schon genug, ist er auch Mitglied des Stiftungsrates für Wissenschaft und Forschung im Thurgau. «Ich habe im Kanton viele verschiedene Hüte an», gibt Taverna mit einem Schmunzeln zu. Für Hobbys bleibt im prall gefüllten Terminkalender des Onkologen kaum Zeit.

Es braucht noch lange, um Trends zu erkennen

Als Präsident des Registerrates des Krebsregisters Thurgau war er massgeblich daran beteiligt, dass die Zahl der Neuerkrankungen seit vergangenem Jahr auf der Website der Dienststelle für Statistik abrufbar ist. «Wir wollten damit die Arbeit des Krebsregisters öffentlicher machen, die sonst fast nur im Hintergrund stattfindet», begründet Taverna den Schritt. Das Register im Thurgau gibt es seit 2012, es erfasst die Krebshäufigkeit sowie die Sterblichkeit. Diese Daten sollen Antworten auf Fragen liefern, ob es noch Verbesserungsbedarf beim Früherkennungsprogramm von Brustkrebs gibt, das im Jahr 2011 vom Thurgau als zweitem deutschsprachigen Kanton eingeführt wurde. «Momentan können wir anhand dieser Daten aber noch keine klaren Aussagen treffen», sagt Taverna. Deshalb dürfe man diese auch nicht überschätzen. Zum einen brauche es dafür Langzeitverläufe von 20, 30 oder gar 40 Jahren, um Trends erkennen zu können. Andererseits stammen die Daten aus einer relativ kleinen Region mit gut 250000 Einwohnern. «Deshalb muss man diese Zahlen in einen nationalen Zusammenhang bringen, um allfällige Unterschiede feststellen zu können», meint Taverna.

«Im Kanton Thurgau können wir etwa noch nicht wirklich beweisen, dass mit dem 2011 gestarteten Früherkennungsprogramm von Brustkrebs das Ziel, die Sterblichkeit zu senken, erreicht wird. Uns fehlen die Vergleichsdaten von früher», sagt Taverna. Mit dem Krebsregister kann zumindest die Qualität dieser Früherkennung überprüft werden, um so in Zukunft Aussagen machen zu können.

Ein bekannter Trend ist, dass Lungenkrebs bei Männern immer weiter zurückgeht. Bei den Frauen nahm er lange Zeit zu, aber auch hier nimmt die Zahl der Neuerkrankungen nun – etwas verzögert –ab. Als Grund gilt hier ganz klar der Nikotinkonsum.

Jugendlichen Mädchen wird zudem geraten sich gegen das humane Papilloma Virus zu impfen zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs. Der medizinische Fortschritt habe bei den Behandlungsmöglichkeiten von Krebs in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt der Onkologe. «Weniger bei der Heilung, sondern mehr bei der Lebensverlängerung.» Viele der neuen Medikamente werden relativ gut vertragen, was zu einer Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität führe. Dafür müsse jedes Medikament einzeln angeschaut werden und auch klinische Studien seien wichtig, um zu sehen, was eine bestimmte Massnahme oder eine bestimmte Kombination von Medikamenten bringe.

Fehler bei der Zellteilung wird es immer geben

Dem Thema Krebsheilung begegnet Christian Taverna eher nüchtern. Krebs basiert auf der gestörten Zellsteuerung, bei der man oftmals nicht genau wisse, warum das so sei. «Ich glaube, dass es immer Fehler bei der Zellteilung geben wird, die wir nicht bekämpfen können.» Man könne zwar immer gezielter dagegen vorgehen, an eine Wunderwaffe gegen den Krebs glaubt der Onkologe aber nicht. Die Heilungschancen variieren zwischen den verschiedenen Krebskrankheiten und seien abhängig von Krankheit, Stadium und Risikofaktoren. Während bei gewissen Arten von Lymphknotenkrebs die Heilungschancen bei 95 Prozent lägen, sei man bei anderen weiter entfernt. Die moderne Krebsbehandlung sei eine inter- sowie multidisziplinäre Behandlung. Das bedeutet, dass nicht der Onkologe alleine, sondern er gemeinsam mit Chirurgen, Gynäkologen, Urologen, Radiologen, Strahlungstherapeuten, Pathologen und vielen weiteren zusammenarbeitet. Dazu gibt es das sogenannte Tumor-Board, bei dem sich die Spezialisten jede Woche treffen und sich mit den Kollegen des Kantonsspitals in Frauenfeld austauschen. «Interdisziplinarität ist das A und O in der modernen Krebsbehandlung, damit wir den Patienten bestmöglich helfen können», sagt Taverna.


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