Fleissig am «unbekannten Ort» gefeiert

ROMANDS ZU BESUCH IM THURGAU ⋅ Die FDP-Fraktion des Waadtländer Grossen Rates reist jedes Jahr für drei Tage an einen ihr weitestgehend unbekannten Ort der Schweiz. Dieses Mal war der Kanton Thurgau an der Reihe.
14. April 2018, 08:02

Der Weinfelder «syndic», Max Vögeli, wusste von Anfang an, worauf es ankommt, wenn man mit den lieben Parteifreunden aus der südwestlichen Landesecke zu tun hat. Man muss früh aufs Wesentliche zu sprechen kommen: den Aperitif. «Ich glaube, das heisst auf Deutsch wie auf Französisch dasselbe, gell?», fragt er gut gelaunt in die Runde – und stellt einen ebensolchen schon bald in Aussicht. Das verstehen alle. Und der einzige gebürtige Ostschweizer unter den Gästen, Daniel Meienberger, muss für einmal nicht übersetzen. Kurz nach 9 Uhr glänzt es in den Augen vieler gutgelaunter Libéraux-Radicaux verdächtig. «La matinée commence bien», raunt ein Bass. Ob Vögeli es mitbekommen hat? Er schwärmt von den 45 Hektaren Weintrauben am Ottenberg. Man merkt’s: Was die Sprache eher schlecht als recht bewältigt, schaffen Speis und Trank spielend.

Singend durch die Gassen

Drei Tage dauert die Tour und führte die Gäste per Car an zahlreiche der schönsten Orte im Kanton: die Kartause Ittingen, das Napoleonmuseum auf dem Arenenberg, der Besuch eines Weingutes und – bien sûr – der bekannten Mosterei in Arbon. Auch ein Halt bei Stadler Rail wurde eingelegt. «Ich konnte meinen Kolleginnen und Kollegen viele schöne Ecken meiner Heimat zeigen», freute sich Meienberger. Wie gut es ihnen gefallen hat, wusste die Thurgauer Grossratspräsidentin, Heidi Grau, zu erzählen. «Mir wurde mitgeteilt, dass ihr gestern in Weinfelden mit viel Wein und Gesang gefeiert habt», sagt die ranghöchste Thurgauerin – und erklärt augenzwinkernd, dass ihr das «sehr sympathisch» sei. Da lassen sich die «chers amis» nicht zweimal bitten, stehen auf und schmettern mit Inbrunst und aus 34 Kehlen die «Hymne vaudois» («Vaudois! Un nouveau jour se lève»). Was Grau wiederum in Ehrfurcht verharren lässt. «Es wäre schön», so räumt sie ein, «wenn wir im Thurgau auch so viele Liberale hätten. Wir sind nur 20 im Grossen Rat». Dabei waren noch gar nicht alle auf der Klassenfahrt dabei: die FDP Waadt zählt 49 Mitglieder im Grossen Rat – und das bei einer Ratsgrösse von 150 Personen.

Dem ehemaligen Weinfelder Gemeindeschreiber und heutigen Dorfchronisten Martin Sax blieb es vorbehalten, einige historische und aktuelle Gemeinsamkeiten zwischen den Kantonen herauszuarbeiten. Über die Freiheitskämpfe in früheren Jahrhunderten, der gemeinsamen Liebe für See und Wein, kam der versierte Erzähler auch auf die ewige Rivalität zwischen Frauenfeld und Weinfelden zu sprechen. Allerdings machte er es diesbezüglich kurz: «Sie müssen nur eines wissen», so Sax, «Frauenfeld ist die Hauptstadt des Kantons Thurgau, das Zentrum ist jedoch hier!»

 

Christof Lampart

thurgau@thurgauerzeitung.ch


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