Die Rübentraktoren fahren weiter

THURGAU ⋅ Mit der Reorganisation des Bahntransports werden die Verladestationen für Zuckerrüben reduziert. Dadurch werden Bauern ihre Ernte vermehrt per Traktor nach Frauenfeld bringen. Die Anlieferung aus dem Ostthurgau bleibt vorerst unverändert.
24. Dezember 2017, 05:19
Thomas Wunderlin
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Am Samstag sind für dieses Jahr die letzten Rüben in der Zuckerfabrik Frauenfeld eingetroffen. Gemäss der Erwartung von Peter Imhof, Leiter des Rübenmanagements bei der Schweizer Zucker AG, sind seit Beginn der Erntekampagne am 26. September 700000 Tonnen angeliefert worden, davon 46000 Tonnen Biorüben. 57 Prozent der gesamten Ernte haben die Bauern, die sich in Fahrgemeinschaften zusammenschliessen, mit Traktoren oder Lastwagen geliefert. Autofahrern sind sie als fahrende Verkehrshindernisse bekannt, denen sie kilometerlang hinterhertuckern müssen.

Üblicherweise kommt rund die Hälfte der Rüben via Strasse, die andere Hälfte per Bahn. Je nach Ernte bedeutet das 17000 bis 20000 Traktor- und Lastwagenfahrten nach Frauenfeld. Verteilt auf rund drei Monate sind das täglich 220 bis 270 Fahrzeuge, die auf den Strassen rund um Frauenfeld unterwegs sind. Da ein üblicher Rübentransporter mit zwei Anhängern auf ein Eigengewicht von rund 16 Tonnen kommt, kann er bis zu 24 Tonnen Fracht befördern, um die 40-Tonnen-Limite nicht zu überschreiten. Dass der Bahnanteil dieses Jahr nur 43 Prozent erreichte, liegt laut Imhof vor allem bei Verschiebungen im Anbau und «betriebsinternen Dispositionen»; auch der Bahnstreckenunterbruch im deutschen Rastatt spielte mit.

Längerfristig könnte der Strassenanteil weiter zunehmen – mit entsprechenden Folgen für den Verkehrsfluss auf den Strassen. Denn die Zuckerfabrik hat die Bahntransporte reorganisiert, um Kosten zu sparen. Der Schweizer Zucker steht unter Druck, da der Weltmarktpreis sinkt.

Die Logistik richtete sich bisher nach den Verladern

Nach dem neuen Konzept fahren ab 2018 nur noch ganze Züge von den Bahnverladestationen zu den Zuckerfabriken in Frauenfeld und Aarberg. Weil nicht an allen Verladestationen 400 Meter lange Züge beladen werden können, fällt ein Teil der Bahntransporte weg und wird auf die Strasse verlagert.

Ein 400 Meter langer Zug umfasst rund 20 Waggons. «Bisher gibt es Stationen, von denen fünf bis sechs Waggons pro Tag fahren», sagt der Leiter des Rübenmanagements Imhof. «Die Bahnlogistik musste sich vorher nach den ­Ansprüchen der Zuckerfabrik und der Verlader richten; neu müssen sich diese an das optimierte Transportkonzept anpassen.»

Schweizweit gibt es derzeit rund 60 Verladestationen, von denen Zuckerrüben per Bahn nach Frauenfeld und Aarberg gebracht werden. Welche davon überprüft werden, sagt Imhof nicht. Für Oberaach und Bürglen, die beiden Verladestationen im Thurgau, ändere sich jedoch 2018 nichts.

Da für kurze Strecken der Transport auf der Strasse billiger ist als auf der Schiene, bringen Bauern im Umkreis von 30 Kilometern ihre Rüben per Traktor nach Frauenfeld. Rund die Hälfte der in Frauenfeld verarbeiteten Rüben sind also in diesem Gebiet gewachsen, wie Imhof bestätigt. Aus weiter entfernten Gebieten kommen die Rüben nur auf der Strasse, wenn es keine geeigneten Infrastrukturen für den Bahnverlad gibt wie etwa im schaffhausischen Klettgau.

Der überwiegende Teil der 2160 Lieferanten des Werks Frauenfeld sind Zürcher (756) und Thurgauer (644). Eine grössere Zahl von Pflanzern lebt auch im Aargau (386) und in Schaffhausen (256). Der Rest kommt aus Luzern (46), St. Gallen (28), Liechtenstein (9) und Graubünden (6). Als einziger Kanton fördert der Kanton Thurgau den Bahntransport, indem er die Kosten des Bahnverlads trägt.

Um gefährliche Überholmanöver zu vermeiden und aus Gründen des Umweltschutzes, sollen Rüben aus dem Kantonsteil östlich von Weinfelden per Bahn nach Frauenfeld kommen. 2011 bewilligte der Regierungsrat einen Beitrag von 160 000 Franken zur Modernisierung der Verladeanlage in Bürglen. Gleichzeitig begann der Kanton, den Bahntransport mit vier Franken pro Tonne zu unterstützen. Nach Angaben von Stefan Thalmann, Leiter der Abteilung öffentlicher Verkehr, bezahlte der Kanton 2016 insgesamt 40 000 Franken an den Rübentransport per Bahn. «Die Leistungsvereinbarung läuft bis 2020.» Die Bahntransporte aus Oberaach und Bürglen laufen deshalb laut Thalmann die nächsten drei Jahre unverändert weiter.

Andere Möglichkeiten, den Transport auf die Bahn zu verlagern, hat der Kanton nicht. Bruno Keller, Projektleiter im Tiefbauamt, wäre «nicht unglücklich», wenn weniger Traktoren auf der Strasse verkehrten, da der Verkehrsfluss verbessert würde. «Wir können niemanden zwingen, auf die Schiene zu gehen.»

Dass die Beiträge des Kantons wichtig sind, bestätigt Rübenmanager Imhof. Die Transporte aus Oberaach und Bürglen würden sonst auf die Strasse verlagert, da sie in der 30-Kilometer-Zone seien.

Für weitere Verlagerungen auf die Schiene gebe es Potenzial, sagt Imhof. Die Zuckerfabrik koordiniert die Transporte; grundsätzlich entscheiden die Bauern aber selber, ob sie vom Angebot des Kantons profitieren und die Rüben auf die Bahn verladen. Sie erhalten von der Zuckerfabrik eine kilometerabhängige Entschädigung für die Distanz von ihrem Betrieb zum Bahnhof beziehungsweise nach Frauenfeld.

Was die Zahl der Rübentransporte auf der Strasse drücken könnte, ist die rückläufige Anbaufläche. Neben dem gesunkenen Rübenpreis liegen die Gründe laut Imhof auch im Klimawandel und in der Ausdehnung des Gemüseanbaus. Ein Ende der Zuckerproduktion ist aber für Peter Imhof kein Thema: «Wir machen alles, um die Fabrik auszulasten.»


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