Die sechs abgschossenen Flugzeuge der Alliierten im Thurgau

THURGAU ⋅ Engländer und Amerikaner bombardierten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Friedrichshafen. Die deutsche Flugabwehr holte einige Angreifer vom Himmel. Dokumentiert sind sechs Abstürze über Thurgauer Gebiet.
10. April 2018, 20:43
Thomas Wunderlin

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Manchmal findet ein Bauer heute noch Überreste eines abgestürzten Bombers in seinem Acker. So kam das Thurgauer Amt für Archäologie 2016 zu neun Patronenhülsen. Sie lagen südwestlich des Kundelfingerhofs bei Schlatt im Boden. Dort war am 16. März 1944 ein amerikanischer Bomber des Typs B-24 Liberator abgestürzt. Als er über Friedrichshafen seine Ladung abwarf, wurde er von der deutschen Fliegerabwehr getroffen. Die Besatzung wollte sich in die Schweiz retten. Der Navigator hatte aber Mühe, den Weg zu finden, denn er hatte nicht die richtigen Karten dabei. So landeten acht Mann in deutscher Kriegsgefangenschaft. Über Schweizer Gebiet sprangen nur zwei Besatzungsmitglieder ab; einer davon war der Navigator.
 

1954 wurde ein Flugzeugwrack in Steckborn ausgestellt; es stammte von einem englischen Bomber, der am 28. April 1944 in den Untersee gestürzt war.

1954 wurde ein Flugzeugwrack in Steckborn ausgestellt; es stammte von einem englischen Bomber, der am 28. April 1944 in den Untersee gestürzt war.

Ein Spezialist der Schweizer Armee habe die Patronenhülsen untersucht, sagt Irene Ebneter, Leiterin der Sammlungen des Amts für Archäologie. Es handle sich um Maschinengewehrmunition, die durch Hitzeeinwirkung verbrannt und geplatzt sei.

Während des Zweiten Weltkriegs stürzten vier amerikanische und zwei englische Bomber über dem Thurgau ab. Meist hatten sie zuvor Friedrichshafen angegriffen. Überreste der Maschinen finden sich inzwischen nur noch spärlich. «Die Bomber sind sofort ausgeschlachtet worden», sagt der Kantonsarchäologe Hansjörg Brem. «Die Bauern konnten beispielsweise die Hydraulikpumpen gut gebrauchen, und mit dem Schwarzpulver sprengten sie Wurzelstöcke heraus.» Brem glaubt den Gerüchten nicht, nach denen im See noch abgestürzte Bomber zu finden seien.

 

Bei Eggethof-Langrickenbach stürzte am 20. Juli 1944 ein US-Bomber B-24 Liberator ab; nur vom Rumpf blieb ein grösseres Stück übrig.

Bei Eggethof-Langrickenbach stürzte am 20. Juli 1944 ein US-Bomber B-24 Liberator ab; nur vom Rumpf blieb ein grösseres Stück übrig.

Überreste eines englischen Nachtaufklärers liegen vor Uttwil am Grund des dort 200 Meter tiefen Sees, heisst es jedoch auf der Website Warbird.ch von Daniel Egger aus dem st. gallischen Widnau. Die Erforschung der Flugzeugabstürze während des Zweiten Weltkriegs über der Schweiz sind seit Jahren Eggers Hobby. Er ist dankbar für Berichte und Fotomaterial zu seinem Forschungsthema. 2014 publizierte Egger im Eigenverlag ein mittlerweile vergriffenes Buch über «Fremde Flugzeuge in der Ostschweiz». Kantonsarchäologe Hansjörg Brem schätzt Eggers Arbeit. Er sei die Referenzstelle für sein Gebiet: «Wenn ich etwas wissen will, gehe ich zu ihm.»
 

Absturz bei Uttwil wegen eines technischen Defekts

Die Fliegerabwehr war nicht in Aktion getreten. Möglicherweise war ein technischer Defekt der Grund, dass der Nachtaufklärer des Typs De Havilland 98 Mosquito in der Nacht auf den 7. April 1944 vor Uttwil in den See stürzte. Am Morgen trieben eine Tragfläche, ein Federbein mit Laufrad und drei Brennstofftanks an der Wasseroberfläche. Die Schifffahrtinspektion Romanshorn brachte die Wrackstücke an Land. Der Rest des Flugzeugs und die zweiköpfige Besatzung wurden nie gefunden.

 

Vor der Schaffner AG in Müllheim steht der Motor eines Bombers, der während des Zweiten Weltkriegs in den Bodensee abstürzte.

Vor der Schaffner AG in Müllheim steht der Motor eines Bombers, der während des Zweiten Weltkriegs in den Bodensee abstürzte.

Gemäss Eggers Zählung gab es 32 Abstürze ausländischer Flugzeuge während des Zweiten Weltkriegs. Dazu kommen 216 Notlandungen. So sah sich der deutsche Pilotenschüler Leo Wiora am 9. November 1940 zu einer Landung auf der Frauenfelder Allmend gezwungen. Er hatte bei München die Orientierung verloren. In Frauenfeld hatte er versucht, im Tiefflug die Bahnhofstafel zu lesen, was ihm offenbar misslungen war. Dass er in der Schweiz war, merkte er erst, als die Kantonspolizei bei seiner Gotha Go-145 auf der Allmend eintraf. Am nächsten Tag geleiteten ihn zwei Schweizer Fliegeroffiziere in einer Messerschmitt nach Konstanz.

Eine Messerschmitt flog auch der deutsche Feldwebel Siegfried Henning, als er am 17. Dezember 1944 auf einem Überführungsflug von Erfurt nach Süddeutschland von amerikanischen Jägern angegriffen wurde. Henning rettete sich in die Schweiz und landete seinen Jäger schliesslich mit eingezogenem Fahrwerk in einem Entwässerungsgraben bei Lommis. Da sein Jäger nur leicht beschädigt war, wurde er von der Schweizer Fliegertruppe noch vier Jahre geflogen.

 

2016 erhielt das Amt für Archäologie eine Patronenhülse aus Schlatt, wo am 16. März 1944 ein englischer Bomber abgestürzt war.

2016 erhielt das Amt für Archäologie eine Patronenhülse aus Schlatt, wo am 16. März 1944 ein englischer Bomber abgestürzt war.

Das breite Interesse für die abgestürzten Militärflugzeuge erwachte in den sechziger und siebziger Jahren. Kantonsarchäologe Brem spricht von einer «Nostalgiephase», in der die Veteranen nach Europa an die Schauplätze ihrer Schlachten zurückgekommen seien.

Als Erster hatte sich der Aargauer Martin Schaffner schon in den fünfziger Jahren auf die Wracks der Zweitweltkriegsbomber gestürzt. Der als «Bomber-Schaffner» bekannt gewordene Tankstelleninhaber und Altstoffhändler hob abgestürzte Bomber aus Schweizer Seen. Angefangen hatte er damit, weil er ein solches Wrack bei seiner Tankstelle in Suhr aufstellen wollte, um Kundschaft anzulocken. Unter anderem holte er 1954 eine am 28. April 1944 abgestürzte britische Avro Lancaster aus dem Untersee. Das Publikum konnte das Wrack gegen Entgelt in Steckborn besichtigen.

Ein von Schaffner gehobener Motor steht als Blickfang vor der Müllheimer Gartenmöbelfabrik Schaffner. Martin Schaffner war der Onkel und Pate des gleichnamigen heutigen Geschäftsführers. Nach seinen Angaben stammt der Motor vor seiner Fabrikhalle wahrscheinlich von einem Bomber, den sein Onkel aus dem Obersee gehoben hatte.


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