Die Leiden der jungen Thurgauer

JUGENDSUIZID ⋅ Sich das Leben zu nehmen, gehört zu den häufigsten Todesursachen bei jungen Menschen. Der Kanton Thurgau will die Prävention verstärken. Jugendliche sollen zum Beispiel lernen, besser mit hohen Anforderungen in Schule oder Betrieb umzugehen.
30. Juli 2017, 11:55
Sabrina Bächi

Sabrina Bächi

sabrina.baechi@thurgauerzeitung.ch

Junge Menschen haben das Leben noch vor sich. Trotzdem sehen einige keine Zukunft. «Suizidgedanken bei Jugendlichen sind sehr häufig», weiss Nicole Zeiter, Geschäftsführerin der Dargebotenen Hand Region Ostschweiz. Zwischen dem Gedanken an Suizid und der Umsetzung besteht aber ein Unterschied. Dennoch bleibt Suizid eine der häufigsten Todesursachen von jungen Menschen in der Schweiz. Der Kanton Thurgau will sich der Prävention von Jugendsuizid noch stärker annehmen. «Die Zahl ist nicht alarmierend hoch», sagt Anna Hecken vom kantonalen Amt für Gesundheit. «Aber jeder Suizid ist einer zu viel. Das ist Grund genug, Massnahmen für die Prävention zu erarbeiten und umzusetzen.»

Suizid aus einer akuten Lebenskrise

Der Kanton erarbeitet Präventionsprogramme, welche realisierbar sind und auch Akzeptanz finden, erklärt Hecken. Beatrice Neff von der Perspektive Thurgau wurde vom Kanton beauftragt, verschiedene Programme zu überprüfen. Wichtig dabei ist, dass der Fokus nicht auf das Thema Suizid gelegt wird, sondern dass die Kinder und Jugendlichen von klein auf durch Beziehungen und ein stabiles Umfeld gestärkt werden. Beim Jugendsuizid sind gewisse Faktoren anders: «Psychische Erkrankungen im Vorfeld eines Suizids gibt es bei Jugendlichen eher weniger», sagt Neff. Vielmehr sei es eine Handlung aus einer akuten Lebenskrise heraus. Eine Kurzschlussreaktion. «Den Jungen fehlt oft die Lebenserfahrung, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Meist kommt auch alles auf einmal.»

Zeiter von der Dargebotenen Hand ergänzt: «Jugendliche erleben viele Situationen, etwa Beziehungsprobleme, zum ersten Mal. Solche Probleme scheinen dann unüberwindbar.» Jugendliche befassen sich mit vielen grossen Lebensthemen, weiss die Geschäftsführerin. Unsicherheit in der Identitätsfindung, Einsamkeit, schwierige Verhältnisse zu Hause oder auch sexuelle Gewalt und Belästigung sind die quälenden Sorgen der Heranwachsenden. «Ich habe den Eindruck, dass der Tod auch eine gewisse Faszination auf die Jungen ausübt», sagt Zeiter.

Einflüsse von aussen spielen auch eine grosse Rolle, sagt Beatrice Neff. Es gilt, mit den hohen Anforderungen von Eltern, der Schule oder dem Lehrbetrieb umzugehen. «Hinzu kommen die vielen Möglichkeiten, die wir haben und die ständige Erreichbarkeit über die sozialen Medien beispielsweise», sagt Neff. Die Jugendlichen müssten daher Strategien entwickeln, wie sie mit all diesen Anforderungen umgehen. Denn das Wissen, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann, wirkt sich auf das ganze Leben aus, sind sich die Expertinnen einig. Genau hier soll die Präventionsarbeit ansetzen. «Wichtig ist, dass die Schule und die Familie die Jugendlichen begleiten, sie unterstützen – auch wenn es schwierig ist», sagt Neff. Hilfe anbieten kann man in verschiedenen Formen. Die wichtigste, da sind sich alle drei Expertinnen einig, ist die Kommunikation. Nachfragen, wie es dem Jugendlichen geht. Das Gespräch suchen, hartnäckig bleiben oder sich bei Bedarf an eine Stelle wenden, die professionell weiterhilft. «Da braucht es die Sensibilität der Erwachsenen», sagt Zeiter von der Dargebotenen Hand.

«Schwäche zeigen ist eine Stärke»

Die Jugendlichen hingegen müssen lernen, über ihre Gefühle zu sprechen. «Es geht darum, die Jugendlichen in ihrem Selbstvertrauen zu stärken», sagt Neff. Aber auch ihnen aufzuzeigen, dass Krisen zum Leben gehören und dass man sie überwinden kann. Hilfsangebote wie die Dargebotene Hand haben beispielsweise ein Chatportal, über das sich Jugendliche melden können. «Wir werden das Angebot ausbauen, weil es so oft genutzt wird», sagt die Geschäftsführerin der Dargebotenen Hand. «Es ist keine Schande, wenn ich mir Hilfe hole. Im Gegenteil, Schwäche zeigen ist eine Stärke», sagt Neff.

Neben der Kurzschlussreaktion auf eine akute Lebenskrise, die Jugendliche veranlasst, Suizid zu begehen, ist auch der sogenannte Werther-Effekt ein nicht zu unterschätzender Grund für einen Suizid. Jugendliche stehen gerade während der Pubertät unter grossem Einfluss von Gleichaltrigen und suchen sich ihre eigenen Vorbilder, erklärt Beatrice Neff. Daher greift die Präventionsarbeit mit Menschen, die einen anderen Ausweg aus einer Krise gefunden haben und ihre Erfahrungen weitergeben, bei Jugendlichen sehr gut. «Es gibt nicht nur das Leben oder den Suizid, sondern auch noch eine dritte Möglichkeit: dem Leben die Stirn bieten.»
 

Hier gibt es Hilfe

Für Jugendliche gibt es das Sorgentelefon 147 als erste Anlaufstelle bei Problemen. Es wird von Pro Juventute betrieben. Hilfesuchende können sich via SMS, E-Mail, Chat oder Telefon melden. Auch die Dargebotene Hand (Telefon 143) bietet Unterstützung. Der Kanton beteiligt sich am Aktionsprogramm «Wie geht’s dir?» Nicht nur Betroffene sollen sich melden, sondern auch Angehörige. «Bei einem Suizid merkt man im Nachhinein oft, dass es Anzeichen gegeben hat. Um diese früh genug zu erkennen, kann es helfen, mit einer aussenstehenden Person zu reden», so Nicole Zeiter von der Dargebotenen Hand. (sba)


Leserkommentare

Anzeige: