Mit 33 in den Nationalrat: Diana Gutjahr, Gipfelstürmerin aus dem Thurgau

THURGAU ⋅ Ende November ersetzt Diana Gutjahr aus Amriswil den langjährigen Nationalrat Hansjörg Walter. Die junge Unternehmerin ist ein Polittalent und hat eine eigentliche Blitzkarriere in der Politik hingelegt.
04. Oktober 2017, 05:20
Richard Clavadetscher

Richard Clavadetscher

richard.clavadetscher@tagblatt.ch

Gibt es überhaupt Fotos von Diana Gutjahr, auf denen sie nicht fröhlich blickt und lächelt? Es gibt sie. Aber sie sind selten. «Ich bin eben ein aufgestellter Mensch!», sagt die junge Frau, darauf angesprochen – und lacht herzlich. In der Tat: Ihr Lachen wirkt nicht aufgesetzt, es kommt von innen, schafft gute Stimmung, nimmt ein.

Geschadet hat diese Eigenheit der 33-jährigen Amriswilerin bisher nicht – ganz im Gegenteil: Diana Gutjahr ist der Shooting- star der Thurgauer SVP. Ende November, wenn die Wintersession der eidgenössischen Räte beginnt, wird sie Nationalrätin sein, nachgerutscht für Hansjörg Walter. Die Bezeichnung Shooting- star ist dabei angebracht, seit fünf Jahren erst ist die junge Frau Mitglied des Thurgauer Kantonsparlaments – und schon geht es auf nach Bern.

Aktiv geworden, um etwas zu bewegen

Dieser gerade Weg nach oben war nicht absehbar, damals am 10. Dezember 2003, als Berufsschülerin Diana Gutjahr in der Aula der kaufmännischen Berufsschule in Weinfelden sass und auf der Grossleinwand verfolgte, «wie unser Nachbar in den Bundesrat gewählt wurde». – Wie bitte? Nun, unweit der Ernst Fischer AG, des elterlichen Unternehmens, ist in Romanshorn auch die EMS-Eftec domiziliert, damals in den Händen von Christoph Blocher. Er war also quasi Nachbar. Der 10. Dezember 2003 ist deshalb von Bedeutung, weil er Diana Gutjahrs Interesse an der Politik erst weckte. Sie bezeichnet diese Bundesratswahl denn auch als ihr Schlüssel­erlebnis: Ausgehend von diesem ­Ereignis habe sie sich darauf mit politischen Themen befasst und schnell einmal erkannt, dass man politisch und gesellschaftlich aktiv sein müsse, wenn man etwas bewegen wolle.

So weit war es damals allerdings noch nicht. Priorität hatte die Ausbildung, in ihrem Fall das Studium der Betriebswirtschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen. Dazu gehörte auch ein Austauschsemester an der Charles Sturt University in Australien. Nach dem Studienabschluss sei erst mal ein halbes Dutzend berufliche Wanderjahre geplant gewesen, sagt Diana Gutjahr. Doch es kam anders: Zwar arbeitete die junge Frau tatsächlich eine Zeit in einem schweizweit tätigen ­Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen, dann jedoch wurde im elterlichen Unternehmen ein Kadermitglied ernsthaft krank. Diana Gutjahrs Mithilfe in der Firma war gefragt, sie folgte dem Ruf der Eltern. Heute führt sie zusammen mit ihrem Ehemann den Stahl- und Metallbaubetrieb mit rund 80 Mitarbeitern, davon 13 Lernende.

Der Erkenntnis im Jahr 2003 sind inzwischen längst Taten ­gefolgt: Diana Gutjahr ist in der Arbeitgebervereinigung Romanshorn und Umgebung aktiv, ist Vizepräsidentin des kanto­nalen Gewerbeverbands, Vorstandsmitglied der SRG Ostschweiz und seit 2012 als Ver­treterin der SVP Mitglied des Kantonsparlaments. Bei den Nationalratswahlen 2015 schaffte sie es dank eines engagierten Wahlkampfs auf den ersten Ersatzplatz der SVP-Liste – mit angesichts der personellen Situation guten Aussichten auf das Nationalratsmandat.

Unaufgeregter als anderswo

Wie ist das denn, hat sich die junge Frau mit diesem weit über das Berufliche hinausgehenden Engagement nicht um viel gebracht, was junge Frauen gemeinhin auch noch erleben möchten? «Ach», sagt sie, «in den Ausgang gehen, ausgiebig Feste feiern hatte in meinem Leben nie grossen Stellenwert.»

Bereits als Kind habe sie mit dem Spitzensport geliebäugelt, sei im fortgeschrittenen Teenageralter schliesslich vor der Entscheidung gestanden, ob sie voll aufs Tennis setzen wolle, was sie dann aber nicht tat. «Da blieb von Kindheit an nicht viel unbeschwerte Freizeit.» Geblieben aus dieser Zeit aber ist der un­bedingte Wille, keine halben ­Sachen zu abliefern: «Wenn ich mich für etwas entscheide, dann will ich es richtig machen!», sagt Diana Gutjahr. Das gelte für ihre berufliche Tätigkeit ebenso wie für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement.

Weshalb aber politisiert sie ausgerechnet in der SVP? Es sind ja immer noch nicht allzu viele junge Frauen, die das tun. Diana Gutjahr verweist in ihrer Antwort auf das bereits erwähnte Schlüsselerlebnis, auf das bürgerliche Elternhaus – aber auch auf die SVP thurgauischer Ausprägung. Die Partei sei in diesem Kanton ja nicht erst seit ein paar Jahren bedeutend, vielmehr sei sie es seit jeher und habe immer auch Regierungsverantwortung getragen.

Deshalb politisierten ihre Vertreter vielleicht auch etwas unaufgeregter als an manch anderen Orten in der Schweiz. Mit den Zielen der SVP aber, insbesondere auch im Wirtschaftsbereich, könne sie sich als jemand, der tagtäglich im Unternehmen Wirtschaft lebe, sehr gut identifizieren.

Respekt vor dem Amt, aber keine Angst

Politisch steht Diana Gutjahr unter anderem für einen starken Werk- und Finanzplatz Schweiz. Sie deutscht dies so aus: Der Staat habe möglichst wenig bürokratische Hürden zu errichten. Es dürfe doch nicht sein, dass ein Unternehmer, wenn er dieser Bezeichnung gerecht werden wolle und – eben – etwas unternehme, gleich schon von vielerlei Gesetzen und Vorschriften gebremst werde. Als junge Unternehmerin ist ihr aber auch die Ausbildung der Jugend wichtig, insbesondere die duale Berufsbildung. «Sie hat den Vorteil, dass der junge Mensch auch die Praxis kennt.»

In rund zwei Monaten debütiert Diana Gutjahr nun als Nationalrätin. Sie habe natürlich Respekt vor dem Amt, sagt sie. Und sie werde sicher erst einmal zuhören, bevor sie rede. Dass man in der grössten Fraktion im Bundeshaus nicht auf sie gewartet hat, ist ihr bewusst. Und dass in der Bundespolitik die Konkurrenz um einiges härter ist als im vergleichsweise beschaulichen Thurgauer Kantonsparlament ebenso. Diana Gutjahr vertraut indes darauf, dass ihr Lebensmotto, das sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist, auch künftig helfen wird: «Jeden Morgen aufstehen und sein Bestes geben – und zwar so, dass man am Abend noch in den Spiegel schauen kann.»


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