Die Clubs sterben aus

PARTYSZENE ⋅ Martin «Bush» Künzler betreibt das «Stage-8580» im Amriswiler Schrofen. Es ist der letzte Rock-Club im Oberthurgau. Es läuft harzig, doch der Inhaber kämpft, damit sein Laden überleben kann.
16. Juli 2017, 05:16
Text und Bild: Manuel Nagel

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@thurgauerzeitung.ch

«Wo bleibt ihr?» Die Frage von Martin Künzler hat schon etwas Verzweifeltes. Vor etwas mehr als einem Jahr übernahm er das «Basement», noch früher als «USL» bekannt, und taufte es um in «Stage-8580». Seither bietet er jeweils am Donnerstag Karaoke an, freitags und samstags stehen DJs am Plattenteller oder Rockbands auf der Bühne. Ende Oktober schaute Trancequeen DJ Tatana vorbei, Anfang Juni rockten Killer den Club im Industriegebiet an der Peripherie von Amriswil. Die Band ging einst mit den legendären Motörhead auf Tournee.

Doch selbst eine Band mit einem Renommee wie Killer – sie galten einst als AC/DC der Schweiz – füllt nicht mehr so einfach einen Club. Obwohl Künzler viel Werbeaufwand betrieb und überall Flyer verteilte und plakatierte, die Besucherzahl war eher spärlich. Die Band kam Künzler bei der tiefen vierstelligen Gage sogar noch um 300 Franken entgegen, so dass einfach die Spesen für Reise, Hotel und Verpflegung gedeckt waren. Doch zu verdienen gab es an diesem Abend kaum etwas – für niemanden.

Die Nähe zum Ausland setzt auch den Clubs zu

Killer sind die löbliche Ausnahme, welche die aktuelle Situation richtig einschätzen können und Kompromisse eingehen, um ihrer Leidenschaft nachgehen zu können. Andere Bands hätten hingegen das Gefühl, sie könnten nach einem kleinen Zeitungsbericht gleich mehrere Tausend Franken verlangen, klagt Künzler. Nach einem ebenfalls mässig besuchten Konzert habe der Manager einer Band auf der vollen Gage bestanden und wollte auf «keine 50er-Note» verzichten. Künzler verzichtet in Zukunft auf die Zusammenarbeit mit diesen Leuten. Er setzt vermehrt auf das Modell, die Gage von der Besucherzahl abhängig zu machen. Die Band soll in ihrer Fangemeinde ebenfalls Tickets verkaufen und so zu einem gelungenen Abend beitragen.

Obwohl das «Stage-8580» gute Voraussetzungen bietet – keine Nachbarn in unmittelbarer Nähe und viele Parkplätze bei ­guter Verkehrsanbindung – und Künzler bemüht ist, ein abwechslungsreiches und attraktives Programm auf die Beine zu stellen, bleiben die grossen Besucherströme seit einiger Zeit aus.

Remo Pingiotti führte einst den «Ballroom» in Arbon und kaufte dann das «Basement», den Vorgänger des «Stage-8580», um dort das Konzept mit den Rockbands weiterzuführen – bis er es im Mai 2016 an Künzler verkaufte. Pingiotti betrieb fortan noch das «Fellini» in Roggwil, das im Frühjahr die Türen schloss. Der Oberthurgau scheint ein hartes Pflaster für Clubs zu sein. «Da ist die Nähe zu St. Gallen und dem günstigen Ausland», meint Pingiotti. Auch die Senkung der Promillegrenze habe dazu geführt, dass weniger Leute kommen, mutmassen gleich mehrere Betreiber.

Die «Generation Handy» tickt anders

Hinzu komme, dass die «Generation Handy» anders ticke, sagt auch Martin Künzler. Früher habe man den Club-Besuch noch zelebriert und miteinander gesprochen und getanzt. Heute beobachtet er, dass viele einfach noch herumstehen und in ihr Smartphone starren.

Remo Pingiotti denkt, dass die Nachfrage im Oberthurgau zu klein ist, um jedes Wochenende ein oder zwei Konzerte zu veranstalten. Doch Martin Künzler hält noch an seinem Konzept fest. ­ In einem halben Jahr zieht er Bilanz und geht über die Bücher. «Wenn’s nicht besser wird, werde ich den Club wohl schliessen müssen», meint er mit Bedauern. Und die Oberthurgauer würden ihre letzte verbliebene Location für Rockkonzerte verlieren.


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