Die Angst der Eltern vor dem Schulweg

LANGSAMVERKEHR ⋅ Geht es um Schulwegsicherheit, wird schnell der Ruf nach abgegrenzten Radwegen und Fussgängerpassagen laut. Doch damit ist es nicht getan, wie das Thurgauer Tiefbauamt und Kantonspolizei bestätigen. Kinder müssen lernen, sich im Verkehr zu bewegen.
01. Oktober 2017, 05:16
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

«Eltern müssen ihre Kinder nicht mehr aus Sicherheitsbedenken mit dem Auto zur Schule fahren.» So lautet eines der Ziele im Thurgauer Langsamverkehrskonzept. «Wir haben die Schwachstellen auf Schulwegen bei der Ist-Analyse ­mittels einer Befragung der Gemeinden ­erhoben», erklärt Andy Heller, Chef des Tiefbauamts, das für das Langsamverkehrskonzept verantwortlich ist. Interessant: Obwohl die Polemik um Schulwegsicherheit immer gross ist, war der Rücklauf harzig. Trotzdem hat das Tiefbauamt eine Liste mit Schwachstellen zusammengestellt. Diese werden nun bewertet und können später Schritt für Schritt behoben werden. «So haben wir eine Grundlage für Massnahmen», sagt Heller. Das Langsamverkehrskonzept wird morgen Montag an der Wega-Sitzung im Grossen Rat besprochen.

Der Tiefbauamtschef ist überzeugt, dass bauliche Massnahmen allein nicht alle Probleme der Schulwegsicherheit ­lösen können. Verschiedene Faktoren, etwa die Kosten oder der Kulturlandverbrauch, würden gewissen Massnahmen im Wege stehen. Heller nennt Prävention, die Verantwortung der Eltern und die Ausbildung der Schüler als wichtige Punkte für die Sicherstellung der Schulwegsicherheit. Zusammen mit anderen Ämtern lanciert das Tiefbauamt regelmässig Präventionskampagnen und Verkehrsschulungen. «Wir müssen auf die Verantwortung der Kinder setzen, sie müssen das richtige Verhalten im ­Verkehr lernen. Separate Radwege sind nicht immer die Lösung», sagt Heller.

Pedibus kommt im Thurgau nur langsam an

Auch die Kantonspolizei Thurgau begrüsst es, wenn schwierige Situationen im Strassenverkehr gemeinsam mit den Eltern eingeübt werden. Der Schulweg eigne sich ideal, um richtiges Verhalten Schritt für Schritt zu trainieren. Dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur ­Schule fahren, ist auch der Kantonspolizei ein Dorn im Auge: «Auf Taxifahrten zur Schule soll wenn möglich verzichtet werden. Andere Kinder können durch Fahrmanöver im Schulhausbereich gefährdet werden», teilt Mediensprecher Matthias Graf mit. In verschiedenen Ortschaften im Kanton würden Probleme mit Elterntaxis bestehen. Die Polizei steht deshalb regelmässig im Kontakt mit den Schulbehörden und appelliert an die Eltern.

Gemäss einer aktuellen Studie des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) sind Elterntaxis vor allem in der Romandie und im Tessin stark verbreitet. Mit dem Projekt Pedibus will der VCS dem entgegenwirken: Freiwillige unter den Eltern holen gemäss einem Fahrplan Kinder an offiziellen Haltestellen zu Fuss ab, bringen die Gruppe zur Schule und dann wieder zurück zu den Haltestellen. In der Westschweiz ist der Pedibus bereits sehr verbreitet. Allein im Kanton Freiburg gibt es gegen 100 Pedibus-Linien.

«Im Kanton Thurgau gibt es solche beschilderten Haltestellen nicht. Jedoch organisieren in verschiedenen Ortschaften Eltern selbstständig einen Pedibus», weiss Graf. Die Kantonspolizei Thurgau begrüsst das Projekt. So würden Kinder den Weg zur Selbstständigkeit im Strassenverkehr lernen. Der Mediensprecher erklärt: «Ziel ist es, dass die Begleitpersonen eine unterstützende Funktion einnehmen und gewisse Grundregeln auf dem Schulweg erklären.»

www.pedibus.ch


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