Schimmelpilzgifte in Getreide nachgewiesen

LABORUNTERSUCHUNGEN IM THURGAU ⋅ Das Kantonale Laboratorium Thurgau weist Schimmelpilzgifte in Getreide nach. Besonders in Reis kommt eine hohe Belastung der gesundheitsgefährdenden Stoffe vor. Agroscope sucht nach Strategien, wie sich die unerwünschten Stoffe vermeiden lassen.
03. Dezember 2017, 14:21
Sebastian Keller
Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Mykotoxine: Dieser Begriff bezeichnet nicht eine griechische Insel, sondern Schimmelpilzgifte, die auch auf Getreide wie Reis, Mais oder Weizen vorkommen. Rund 400 Mykotoxine sind bekannt. Bei vielen davon ist eine Gesundheitsgefährdung für Mensch und Tier nicht ausgeschlossen. Bereits in geringen Konzentrationen können sie Leber- und Nierenschäden, Beeinträchtigung des Immunsystems oder auch Fruchtbarkeitsstörungen hervorrufen; einige Mykotoxine sind krebserregend.

Sie können von Schimmelpilzen gebildet werden und kommen in Ernteprodukten wie Getreide und Früchten vor. Entstehen können sie bereits vor der Ernte auf dem Feld oder auch durch unsachgemässe Lagerung. Auf Getreide fühlen sich die Pilze besonders wohl – da sie einen idealen Nährboden vorfinden. Feuchtigkeit und Wärme schätzen sie besonders. Das Fiese: Viele der Mykotoxine sind hitzebeständig; überstehen also einen Kochvorgang oder auch den Backofen. Deshalb finden sie sich auch in verarbeiteten Lebensmitteln wie beispielsweise Brot wieder. Auch andere verarbeitete Lebensmittel können nachträglich verschimmeln und dadurch zusätzlich mit Schimmelpilz und deren Giften belastet werden.

Nur mit modernen Analysemethoden lassen sich die Mykotoxine nachweisen. Sichtbar sind sie von blossem Auge nicht. In der Ostschweiz – samt Zürich, Glarus und Schaffhausen – haben die kantonalen Laboratorien insgesamt 105 Getreideproben erhoben. In Reis, aber auch Dinkelmehl oder Brot. Zum Beispiel in Läden oder beim Produzenten – also dort, wo sie die Konsumenten auch kaufen können. Untersucht wurden sie daraufhin am Kantonalen Laboratorium Thurgau. Dieses hat unlängst einen Kurzbericht der Untersuchungsresultate auf seiner Webseite veröffentlicht.
 

Zum Nachweis braucht es hochempfindliche Massenfilter

Christoph Spinner ist Thurgauer Kantonschemiker. Er erklärt, dass man die entsprechenden Stoffe mit physikalisch-chemischen Verfahren aus den Proben herausholt. Ihre Art und Menge könne dann aufgrund ihrer unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften mit hochempfindlichen Massenfiltern bestimmt und ihre Konzentration festgestellt werden. Im Fokus standen die Mykotoxine Trichothecene, Aflatoxine sowie Fumonisine.

Das Resultat der Untersuchung: In mehr als der Hälfte aller Proben wurden eines oder mehrere Mykotoxine festgestellt. In 5 der 105 Proben wies das Laboratorium Thurgau Grenzüberschreitungen nach. Sie «mussten beanstandet und vom Markt genommen werden», heisst es im Bericht. Bei drei der fünf beanstandeten Proben handelte es sich um Reis – die Konzentration von Aflatoxin B1 (AFB1) war zu hoch. Weitere sieben Reisproben enthielten erhöhte Mengen dieses Giftes, lagen aber noch knapp unter dem Grenzwert. Das Fazit des Kantonalen Laboratoriums Thurgau lautet denn auch: «Die generell hohe Belastung von Reis mit AFB1 ist auffällig und entspricht nicht den bisherigen Erfahrungswerten.» Hier wird man genauer hinschauen müssen. Christoph Spinner sagt aber auch: «Das ist kein Thurgauer Problem, sondern wahrscheinlich eines der ganzen Welt.» Denn: Reis sei ein Welt­handelsprodukt. «Die ganze Lebensmittelkette ist gefordert», sagt der Kantonschemiker. Als Konsument könne man aber nicht viel machen – dem Reis oder dem Mais sieht man die Mykotoxin­konzentration eben nicht an. «Dazu braucht es die moderne Analysetechnik», sagt Spinner.
 

Agroscope sucht nach Vermeidungsstrategien

Wie können Mykotoxinbelastungen vermieden werden? Welche Getreidesorten sind weniger anfällig auf die Schimmelpilzgifte? Mit welcher Fruchtfolge kann das Befallsrisiko verringert werden? Auf diese und weitere Fragen sucht Agro­scope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, Antworten. Die Fäden laufen bei Susanne Vogelgsang zusammen. Sie ist die Leiterin der Forschungsgruppe Ökologie von Schad- und Nutzorganismen am Agroscope-Standort Zürich-Reckenholz. Einerseits wertet Agroscope Ernteproben aus, die von Landwirten aus der ganzen Schweiz stammen. Mit den Einsendungen von Getreideproben schicken die Landwirte auch ausgefüllte Fragebögen mit. «Wichtige Fragen, die wir stellen, sind jene nach der Sorte, der Vorfrucht und der Bodenbearbeitung», sagt Vogelgsang. Dadurch konnten für Weizen und Gerste Vermeidungsstrategien entwickelt werden. Ungeachtet aller Anbaufaktoren: Wenn es während der Getreideblüte kühl oder trocken ist, sind die Mykotoxinbelastungen in der Regel tief. «Wenn es hingegen viel regnet und warm ist, erhöht sich das Risiko.» Die Forschung zielt sowohl auf Nahrungs- wie auch auf Futtermittel. Gewisse Schimmelpilzgifte, wie beispielsweise die gefürchteten Aflatoxine, können mit dem Tierfutter in die Milch gelangen, die im Kaffee oder im Müesli landet.

Im Rahmen von zwei Doktorarbeiten wird bei Agroscope nach weiteren Vermeidungsstrategien gesucht. Ein Doktorand untersucht, welche Wirkung Zwischenfrüchte und Gründüngerpflanzen entfalten können. Das Ziel ist, den Flug von Pilzsporen auf das Getreide zu verhindern. So werden zwischen Maisreihen etwa Senf- oder Kleearten gepflanzt, die nach der Ernte stehen bleiben und die Maisstängel während der Getreidekultur bedeckt halten oder den Pilz direkt abtöten. Der Thurgauer Agroscope-Standort spielt dabei eine wichtige Rolle. «In Tänikon stehen uns genügend grosse Versuchsfelder zur Verfügung», sagt die Forschungsgruppenleiterin. Der zweite Doktorand arbeitet an einer Methode zur biologischen Bekämpfung. So werden die Erntereste der Vorfrucht mit einem Gegenspieler-Pilz infiziert. Dieser soll ungewollte Schimmelpilze unterdrücken. «Das Ziel aller Forschung ist», sagt Vogelgsang, «die Lebensmittelsicherheit mit nachhaltigen und effizienten Methoden zu erhöhen.»

Reis, der in der Untersuchung im Thurgau besonders negativ aufgefallen ist, steht derzeit nicht im Fokus von Agroscope. Grund: Der meiste Reis, der in der Schweiz gegessen wird, wird importiert.
 

Coop fordert von Lieferanten Einhaltung der Vorgaben

Schimmelpilzgifte beschäftigen auch die Detailhändler. Coop-Sprecherin Andrea Bergmann sagt: «Das Thema Mykotoxine in unseren Lebensmitteln ist seit jeher fester Bestandteil unserer Qualitätskontrolle.» Coop erwarte von allen Lieferanten die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben, die auch den Mykotoxingehalt regeln. «So verlangen wir bei Lebensmitteln, die als für Mykotoxine empfindlich gelten, eine genaue Dokumentation und überprüfen die Einhaltung der gesetzlichen Werte auch selbst in unserem eigenen Lebensmittellabor.» Ähnliche Anforderungen stellt die Migros. Sprecherin Martina Bosshard sagt zudem: «Unser Sortiment wird von uns mit Stichproben risikobasiert auf Mykotoxine untersucht.»

Die Schimmelpilzgifte machen auch vor der besinnlichen Adventszeit nicht Halt. «Gesundheitstipp» hat vor einem Jahr verschiedene Fertigteige für Weihnachtsguezli getestet. Das Resultat: feuchte Fertigteige sind ein Nährboden für die Schimmelpilze. Der Tipp des Monatsmagazins aus Zürich: Den Teig rasch verarbeiten – oder ihn selber herstellen.


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