Aufschneiden liegt ihm nicht

POLITIK ⋅ Mit Beginn der Wintersession wird Hansjörg Brunner aus Wallenwil für Hermann Hess in den Nationalrat nachrücken. Wer ist dieser Gewerbler aus dem Hinterthurgau, der – doch eher atypisch für seinesgleichen – in der FDP politisiert?
29. September 2017, 05:18
Richard Clavadetscher

Richard Clavadetscher

richard.clavadetscher@tagblatt.ch

Kann man heute überhaupt noch etwas werden, ohne sich dauernd ins Schaufenster zu stellen, ohne permanente «Gorilla-Werbung» (sich auf die Brust klopfen und laut brüllen)? Man kann ganz ­offensichtlich. Hansjörg Brunner beweist es. Der 50-jährige Druckereibesitzer und FDP-Politiker wird Hermann Hess nach dessen Rücktritt im Nationalrat ersetzen.

Dass Brunner kein Selbstdarsteller ist, zeigt sich schon auf den ersten Blick, wenn man ihn zu Hause in Wallenwil besucht, wo er mit Ehefrau Monika und den beiden erwachsenen Söhnen Pascal und Silvan seit vielen Jahren lebt: Keine mondäne Villa, sondern ein schlichtes Reiheneinfamilienhaus – Mittelstand halt.

Wie das Heim, so der Mensch: Jedem Aufschneiden abhold, sitzt Brunner dem Besucher am Gartentisch gegenüber. Er ist freundlich, nimmt sich zurück, strahlt entspannte Ruhe aus. «Ich bin tatsächlich ein ausgeglichener Mensch», sagt Brunner, darauf angesprochen. Auftrumpfen sei ihm fremd – in der Familie ebenso wie im Betrieb und in der Politik. Er habe bisher auch noch nie die Notwendigkeit gesehen, an seiner Art etwas zu ändern, so Brunner schmunzelnd, denn: «Ich habe so, wie ich bin, eigentlich immer erreicht, was ich wollte.»

Wohl sogar ein bisschen mehr: Dass Hermann Hess nach nur zwei Jahren in Bern zurücktreten würde, war ja nicht unbedingt zu erwarten. Hansjörg Brunner wird nun in der Wintersession dessen Platz im Nationalrat einnehmen. Ganz ohne Erfahrung auf nationaler Ebene ist er dabei nicht, sitzt Brunner als Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands doch schon seit geraumer Zeit in der Schweizerischen Gewerbekammer. Und auch Parlamentserfahrung ist dem Hinterthurgauer eigen: Er politisiert für die FDP im Grossen Rat.

Hansjörg Brunner sagt von sich, er sei Gewerbler. Und er meint damit nicht nur, dass er ­einen Druckereibetrieb an den Standorten Sirnach und Zürich besitzt und führt. Gewerbler zu sein ist für ihn mehr, ist quasi Lebensphilosophie. Sie war es seit je. Als der Vater aus gesundheitlichen Gründen den gelernten Buch- und Offsetdrucker, der sich damals berufsbegleitend zum polygrafischen Techniker weiterbildete, in den Familienbetrieb zurückrief, war Brunner gerade mal 24 Jahre alt. Er hat die Führung des Betriebs klaglos übernommen, hatte «nicht das Gefühl, ich könne das nicht». Dem Vater ist er bis heute dankbar, dass er ihn von Anfang hat machen lassen, ihm trotz seiner Jugend nicht dreinredete.

Schlüsselerlebnis führte ihn in die Politik

Brunner hat aus dem Druckereibetrieb mit Fleiss und Umsicht ­etwas gemacht, hat im Laufe der Jahre einen ähnlichen Betrieb in Zürich übernommen und ins Unternehmen eingegliedert. Zu seinen Kunden zählt neben vielen anderen auch etwa der FC Zürich, dessen Matchprogramm Brunners Betrieb seit vielen Jahren druckt. Da trifft es sich gut, dass Brunner seit seiner Jugend und in guten wie in schlechten Zeiten treuer Fan des FCZ ist.

Dass Hansjörg Brunner überhaupt in die Politik fand, hat mit einem Schlüsselerlebnis zu tun. Er, der seit Jugend als Pfader und Fussballer körperlich und sportlich aktiv war, hat sich vor einigen Jahren ausgerechnet an einem Plausch-Volleyballturnier die Achillessehne gerissen. «Und als ich dann am Sonntag so im Spital lag», fand er Zeit, über sich nachzudenken: Bis zu jenem Zeitpunkt sei sein Betrieb vollständig auf ihn ausgerichtet gewesen: «Alles lief über meinen Schreibtisch.» Die 70-Stunden-Wochen machten Brunner nichts aus, denn er war nichts anderes gewohnt. Nun aber, unfreiwillig zur Musse gezwungen, sah er, dass die Firma auch ohne ihn lief. Und er kam nach einigem Nachdenken zum Schluss, dies sei so beizubehalten: Die Führung des Unternehmens sollte künftig auf mehrere Schultern verteilt werden – was dann auch geschah.

Um Viertel nach fünf beginnt der Tag

Die so gewonnene Zeit gab Brunner die Möglichkeit, «endlich auch persönlich umzusetzen, was ich zuvor schon immer predigte»: Jeder Gewerbler müsse sich auch einmal in ein Amt wählen lassen. Erst aktiv im Gewerbeverband, fand Brunner schliesslich in die Politik. Seine Arbeitstage sind dadurch nicht kürzer geworden, sie beginnen nach wie vor um ein Viertel nach fünf Uhr morgens, wenn er mit Hund Faro draussen seine Runde dreht und sich Gedanken macht über den vor ihm liegenden Tag.

Hansjörg Brunner politisiert in der FDP. Ist dies nun wirklich die ideale Partei für einen Gewerbler mit Leib und Seele? «Aber sicher!», sagt er voller Überzeugung. Entgegen dem «früher von den Zürchern geprägten Image der Partei» (Brunner) habe es in der FDP sehr wohl Platz für Gewerbler: Die Partei sei lösungsorientiert und zurückhaltend, wenn es darum gehe, dem Staat neue Aufgaben zu überantworten. Er fühle sich jedenfalls wohl in der FDP.

Bleibt die Frage, wie sich denn ein Unternehmer – gewohnt, schnell zu entscheiden – ausgerechnet im Nationalrat mit seinen oftmals endlosen Debatten und seinen vielfach mühsam erarbeiteten Kompromissen zurechtfinden wird. Brunner sieht da kein Problem: «Ich habe das ja nun schon im Kantonsparlament trainiert», sagt er lachend.


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