Achtlosigkeit wird auf der Wiese sichtbar

LITTERINGKOSTEN AUF THURGAUS KANTONSSTRASSEN ⋅ Zigarettenstummel, Dosen und Verpackungen: Kleinabfälle werden fast überall achtlos entsorgt. Die Kosten, um aufzuräumen, steigen im Kanton Thurgau Jahr für Jahr an. Nun drohen Abfallsündern bald drastisch höhere Bussen. So will es der Bundesrat.
16. Juli 2017, 05:16
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Diese Szene kennt fast jeder: Ein letzter Schluck aus der Coladose. Schwups fliegt sie aus dem Autofenster. Geräuschlos landet das Alugefäss auf der Wiese. Aus dem Auge, aus dem Sinn – aber nicht aus der Welt. Achtloses Wegwerfen von Abfällen ist für manche eine unbewusste Alltagshandlung wie das Pfeifen. Der englische Begriff Littering hat sich eingebürgert wie das von ihm definierte Fehlverhalten. Zahlen des Tiefbauamtes belegen: Der durch achtloses Wegwerfen verursachte Reinigungsaufwand ist gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Um sechs Prozent, 570000 Franken betrug er im Jahr 2016 (siehe Grafik). Eingerechnet sind nur die Kosten, die das kantonale Tiefbauamt verbucht. Den grösseren Aufwand müssen die Gemeinden betreiben. Über sechs Millionen Franken werden die Totalkosten pro Jahr geschätzt.

Kurt Bitzer, Leiter der Abteilung Betrieb beim Tiefbauamt, rechnet damit, dass Littering «in den nächsten Jahren weiter zunehmen» wird. «Immer mehr Leute sind unterwegs», sagt Bitzer, «und das Verhalten hat sich leider nicht gebessert, sondern eher verschlechtert.» Die unerwünschte Gleichung: Mehr Leute = mehr Littering. Das bekommen Bitzers Mitarbeiter zu spüren. Sie gehen den Strassen entlang und sammeln den Unrat auf. «Alles Handarbeit, und zwar keine schöne.» Litteringschwerpunkte seien die Parkplätze entlang der 800 Kilometer Kantonsstrassen. Dort werde allerlei entsorgt – unmittelbar neben Abfallkübeln. «Wir haben zwar Tafeln aufgestellt, aber die werden ignoriert.» Ähnlich tönt es beim Bundesamt für Strassen. Dieses geht davon aus, dass jährlich eine Tonne Abfall pro Autobahnkilometer anfällt. «Schätzungsweise hat das Littering in den vergangenen zehn Jahren zugenommen», sagt Sprecher Guido Bielmann. Festzustellen sei, dass nahe von Fast-Food-Restaurants und Shops mehr gelittert werde.

Viele Ideen, aber kein Patentrezept

Die grosse Frage ist: Wie ist dem Littering beizukommen? «Ein Patentrezept habe ich nicht», sagt Kurt Bitzer. Im Thurgau wurden zwar grosse Anstrengungen unternommen: Prävention, Partizipation, Repression, Unterstützung, Vernetzung, Sauberhaltung. Doch die Anstrengungen wurden nach acht Jahren – auch wegen Sparmassnahmen – heruntergefahren. Dies veranlasste SVP-Kantonsrat und Landwirt Matthias Rutishauser dazu, nachzufragen: «Ende der Anti-Littering-Kampagne, Problem gelöst?», lautete der Titel seines Vorstosses. Mit den vom Regierungsrat darge­legen Argumenten (nachlassendes In­teresse, zeitliche Befristung, Sparen) zeigte er sich zwar zufrieden. «Doch das Problem ist leider nicht vom Tisch», sagt Rutishauser. Dafür sieht er mehrere Gründe: zunehmende Mobilität, Verpackungsirrsinn und fehlender Anstand. «Hier wären die Eltern gefragt.» Als Landwirt stören ihn vor allem Dosen in der Wiese: «Wenn ich diese versehentlich mähe, gibt es spitze Splitter.» Und diese gefährdeten das Vieh. «Vielleicht müsste man den Abfall mal liegen lassen, damit die Leute sehen, was sie anrichten», sagt Ruthisauser. «Doch das bringt wohl auch nichts.»

Beat Baumgartner, Chef des kantonalen Amtes für Umwelt, bekämpft Littering persönlich. Wenn er jemanden sehe, der Abfall fallen lasse, weise er ihn freundlich darauf hin: «Nehmen Sie das bitte wieder auf.» Das funktioniere. Aber nicht nur er, sondern auch der Kanton habe Littering nach dem Ende der Kampagne nicht aus den Augen verloren. «Das Anti-Litteringforum führen wir weiter», sagt Baumgartner. Dieser Erfahrungsaustausch fand im März zum zehnten Mal statt. Martin Eugster, stellvertretender Amtschef, sagt, dass man Gemeinden weiter unterstütze. «Prävention ist ganz wichtig.» Deshalb werde die Plattform www.littering-toolbox.ch überarbeitet. Dabei handelt es sich um ei- nen digitalen Werkzeugkasten, in dem Gemeinden Lösungsansätze für verschiedene Litteringsituationen finden.

Bundesrat will Litteringbusse schweizweit vereinheitlichen

Littering ist nicht nur ein Vergehen gegen Anstandsregeln, sondern eines gegen das Gesetz: Wer im Thurgau eine Dose oder einen Kaugummi liegen lässt, kann mit 50 Franken gebüsst werden. Im ersten Halbjahr 2017 hat die Kantonspolizei bereits 89 Personen gebüsst, wie Sprecher Mario Christen sagt. Doch sei es nicht das «Kerngeschäft der Kantonspolizei Thurgau». Gebüsst werden kann nur, wer in flagranti erwischt wird. Nun könnten die Bussen bald höher ausfallen. Der Bundesrat will sie schweizweit vereinheitlichen: 200 Franken schlägt er mit der Änderung der Ordnungsbussenverordnung vor. Derzeit läuft die Anhörung. Geplante Inkraftsetzung ist der 1. Januar 2018. So könnte es einen Autofahrer, der die Dose achtlos aus dem Fenster wirft, in Zukunft teuer zu stehen kommen. So er denn erwischt wird.


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