«Wir wollen einfach nur katholisch sein»

ST. PELAGIBERG ⋅ Pater Bernward und Pater Michael feiern den Gottesdienst in lateinischer Sprache und in der alten Form. Zur Sonntagsmesse kommen viele Junge. Trotzdem haben die Petrusbrüder den Ruf der Ewiggestrigen – das stört sie.
12. Januar 2017, 05:36
Ida Sandl

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

Das lange schwarze Gewand provoziert. «Voll die Uniform», spottete einmal ein Punk mit Blick auf die Soutane. «Du trägst doch auch eine Art Uniform», entgegnete Pater Bernward van der Linden. Der Punk sah ihn an, lächelte nachdenklich, nickte. Manchmal spürt Pater Bernward Verständnis, wo er es nicht erwartet hätte. Dann wieder schlägt ihm unvermutet Ablehnung entgegen. Mal sei er angespuckt worden, er wurde auch schon als «pädophiles Schwein» beschimpft. Einfach so, von Menschen, denen er noch nie zuvor begegnet sei. In solchen Momenten werde er dann sehr still.

Pater Bernward ist ein freundlicher Mensch, 47 Jahre alt, gross und schlank mit einer randlosen Brille. Seit zwei Jahren leitet er die Petrusbruderschaft in St. Pelagiberg. Eine kleine Gemeinschaft, bestehend aus ihm und Pater Michael (29), der aus der Steiermark kommt. Jeden Tag feiern sie in der Wallfahrtskirche St. Pelagiberg heilige Messe und hören die Beichte ab. Am Sonntag zum Hochamt um 9.30 Uhr kommen etwa 150 Gläubige. Die Kirche ist dann voll. Die Besucher haben teils 50 Kilometer Weg hinter sich. Sie kommen, weil die Messe in St. Pelagiberg anders ist als andere katholische Messen. Sie wird nach dem alten Ritus gefeiert, der vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil galt. Ein grosser Teil der Gesänge und Gebete ist in Latein. Es gibt nur Mundkommunion. Der Priester zelebriert die Messe vor dem traditionellen Altar, also mit dem Rücken zu den Gläubigen. «Priester und Gläubige schauen in die gleiche Richtung zum Altar», so beschreibt es Pater Bernward.

Junge Mütter mit Babys in Tragetüchern

Die Formen sind alt, manche Gottesdienstbesucher dafür erstaunlich jung. Einige Frauen und auch Männer haben ihre Babys mitgebracht, in Tragetüchern um den Bauch gewickelt. Familien mit kleinen Kindern sind da. Die Kinder sehen sich Bilderbücher mit Geschichten auf dem Leben Jesu an. Die Kinder seien erstaunlich still, beobachtet Pater Bernward. Nur während der Predigt, die ist auf Deutsch, würden sie manchmal unruhig. «Dann weiss ich, wann ich aufhören muss.»

Ihre Eltern hätten sie schon als Kind mit in die Messe nach St. Pelagiberg genommen, erzählt eine junge Frau aus dem st. gallischen Wittenbach. Jetzt komme sie allein. Die Luft in der Kirche schmeckt nach Weihrauch. Es wird viel gekniet und gesungen. Ein Pärchen aus Wil ist da. Sie würden auch herkömmliche Gottesdienste besuchen. Der Mann sagt: «Am Sonntag soll es etwas Besonderes sein.» St. Pelagiberg sei besonders.

Pater Bernward ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, nahe an der holländischen Grenze. 17 Jahre lang war er Mönch im Benediktinerkloster St. Ottilien zwischen Augsburg und München. Nach der Matur sei er ins Kloster eingetreten. Er lernte Buchbinder, arbeitete aber vor allem als Pfleger für die betagten Mitbrüder. Über seinen Beichtvater lernte er die Petrusbruderschaft kennen. Das Besinnliche, in sich Gekehrte faszinierte ihn. Man muss das Alleinsein aushalten können, um Priester zu sein. In der Petrusbruderschaft muss man es lieben. Pater Bernward liebt es.

Schon im Kloster habe er sich mit dem Gedanken getragen, Priester zu werden. Das Studium dauert bei der Bruderschaft sieben Jahre, zuerst Philosophie, dann Theologie. Trotzdem gebe es mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Pater Bernward weiss noch, dass sein Vater Tränen der Freude in den Augen hatte, als er geweiht wurde.

Sie leben von Spenden und der Kollekte

Pater Bernward stellt Kaffee auf den Tisch. Milch, Zucker, ein paar Guezli. Das Haus, in dem er und Pater Michael leben, ist modern, mit grossen Fenstern und weitem Blick übers Tal. Pater Michael hat gleich einen kleinen Weinberg im Garten angelegt, als er nach St. Pelagiberg kam. Er hat Weinbauer gelernt, bevor er Priester wurde. Im Haus trifft sich die Jugendgruppe, hier finden die Bibelstunden statt.

Die Petrusbrüder sind vom Papst anerkannt. Hansruedi Huber, der Sprecher des Bistums Basel, sagt: «Die römisch-katholische Kirche ist vielfarbig.» Der Petrusbruderschaft würden sich traditionalistisch orientierte Gläubige nahe fühlen.

An den Kirchensteuern ist sie aber nicht beteiligt. Die Priester leben von Spenden und der Kollekte. «Der liebe Gott sorgt für uns», sagt Pater Bernward. Es ist ein bescheidenes Leben, das sie führen. Das Haus wurde möglich, weil zu den Spenden eine Erbschaft kam. Die Möbel stammen vor allem aus Brockenhäusern. Darunter ein paar Prachtstücke wie der antike Geschirrschrank oder die Wanduhr, die Pater Michael wieder zum Laufen gebracht hat. Pater Bernward stöbert gern in Brockenstuben. Die Möbel sind liebevoll arrangiert: Schaffelle auf dem Ledersofa und den Sesseln, Kerzen, Blumen.

Pater Bernward hat das Gelübde des Gehorsams abgelegt. Wenn sein Vorgesetzter heute findet, er solle Strassenmission in Zürich machen, dann würde er das tun. Er hätte zwar Bedenken, ob er der Richtige dafür wäre. «Aber ich würde es versuchen.»

Die Patres der Petrusbruderschaft werden konservativ genannt. «Traditionell» würde Pater Bernward besser gefallen. Er sieht sich als jemand, der die alten Rituale bewahrt, ohne alles Moderne zu verurteilen. Jeder könne für sich entscheiden und Gott lasse den Menschen ohnehin die Freiheit. Diese Toleranz würde sich Pater Bernward für die Petrusbrüder wünschen: «Wir wollen doch einfach nur katholisch sein.»


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