Wer kein Deutsch lernt, muss zahlen

SCHULEINTRITT ⋅ In mehreren Thurgauer Gemeinden müssen nachlässige Eltern die Deutsch-Förderkurse ihrer Kinder mitfinanzieren. In Sirnach waren bisher 18 Familien betroffen. Gegen das Volksschulgesetz, das diese Regelung erlaubt, ist eine Beschwerde hängig.
17. Januar 2017, 06:54
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Sirnach bittet Eltern zur Kasse, wenn deren Kinder beim Eintritt in den Kindergarten kein Deutsch sprechen. «Es geht darum, dass die Kinder die einfachsten Sätze und Anweisungen nicht verstehen», sagt Schulpräsident Urs Schrepfer. «Wir wollen nicht, dass sie von Anfang an benachteiligt sind.» Die Regelung betrifft Kinder, die in der Schweiz geboren sind und die mindestens einen Elternteil haben, der seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz lebt oder die Staatsbürgerschaft der Schweiz oder eines anderen deutschsprachigen Landes besitzt. Neuzuzüger oder Flüchtlinge erhalten kostenlosen Deutschunterricht.

In den vergangenen zwei Jahren – seit die Regelung eingeführt wurde – erhielten 18 Familien eine Rechnung der Gemeinde. 7.50 Franken werden für eine Wochenlektion berechnet. «Das ist nicht einmal kostendeckend», sagt Schrepfer. «Wir verdienen nichts dabei.» Stecke eine Familie in finanziellen Nöten, sei zudem ein Entgegenkommen möglich. Dem Schulpräsidenten ist Fairness wichtig. Bevor die Regelung in Kraft getreten ist, hat die Gemeinde drei Jahre lang an alle Eltern vorschulpflichtiger Kinder einen Brief zur Wichtigkeit der deutschen Sprache verschickt. «Darin ist festgehalten, dass Kinder beim Eintritt in den Kindergarten Deutsch verstehen müssen.» Dass ansonsten die Kosten für zusätzlichen Deutschunterricht in Rechnung gestellt werden können, ist ebenfalls festgehalten. Auch sind in dem zweiseitigen Schreiben die Möglichkeiten aufgelistet, welche in Sirnach zur Sprachförderung angeboten werden. Darunter sind die verschiedenen Spielgruppen oder das Mutter-Kind-Turnen. Schrepfer weist in dem Schreiben auch darauf hin, dass der Kontakt zu deutschsprachigen Nachbarskindern, Bücher und CDs aus der Bibliothek oder ein deutschsprachiger Fernsehsender beim Spracherwerb helfen können.

Obwohl Eltern vor der Einschulung ihrer Kinder mehrmals diesen Brief erhalten, ist das Problem nicht aus der Welt. Es gibt in Sirnach noch immer Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in den Kindergarten kommen, obwohl sie in der Schweiz aufgewachsen sind. Die ersten Rechnungen an unbelehrbare Eltern haben aber Wirkung gezeigt. «Nach dem Versand hat die Sprachspielgruppe viel mehr Anmeldungen erhalten.» Schrepfer sagt: «Jetzt haben die Eltern gemerkt: Die meinen das ernst. Es war nötig, dass wir Nägel mit Köpfen gemacht haben.»

Gratis Schulunterricht ist ein Grundrecht

In der neuen kantonalen Verordnung des Regierungsrats über die Volksschule heisst es: «Für Sprachkurse kann eine Kostenbeteiligung auferlegt werden, wenn zumutbare Möglichkeiten bestanden hätten, die deutsche Sprache zu erlernen.» Da dies in die Kompetenzen der Schulgemeinden fällt, kann Beat Brüllmann, Leiter des Thurgauer Amts für Volksschule, nicht sagen, welche Gemeinden diese Möglichkeit nutzen. «Die Sirnacher waren die ersten, aber ich weiss, dass auch andere Gemeinden das umsetzen oder zumindest darüber nachdenken.» Gemäss Brüllmann besteht für den Kanton kein Anlass, über die diesbezügliche Praxis in den Gemeinden Kenntnis zu haben oder gar dagegen zu intervenieren.

Auf eine Intervention hofft dagegen Jürg Brühlmann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. «Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass Deutschkurse kostenlos angeboten werden müssen.» Der Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands weist auf einen ausstehenden Bundesgerichtsentscheid hin. Vier Privatpersonen haben eine Beschwerde gegen das neue Thurgauer Volksschulgesetz eingereicht. «Ein soziales Grundrecht unserer Bundesverfassung garantiert jedem Kind das Recht auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht», sagte Valentin Huber, einer der Kläger, nach der Einreichung.

Brühlmann, der in Kreuzlingen wohnt, spricht von einer Differenz zwischen der Ostschweiz und der Nordwestschweiz. In Basel Stadt, Basel Land, Bern und Solothurn werde betroffenen Kindern vor dem Schuleintritt kostenloser Deutschunterricht angeboten. Der Pädagoge ist überzeugt: «Es kommt günstiger, wenn zwei Jahre vor der Schule in Deutschunterricht investiert wird, als wenn danach acht Jahre lang Unterstützung nötig ist.» Die Eltern seien dankbar, wenn ihre Kinder gut in der Schule sind. «Für Deutschunterricht gibt es auch keine religiöse Hürde wie etwa für das Schwimmen.»


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