«Twitter ist wie das richtige Leben»

@zoradebrunner hat gerade ihren 50 000. Tweet verschickt. Ohne Promi-Status hat die 35jährige Thurgauerin auf dem Kurznachrichtendienst Twitter inzwischen über 1700 Follower.
31. März 2013, 14:30
ANDREA KERN / PHILIPP LANDMARK

Frau Debrunner, während dieses Gesprächs können Sie eine Stunde lang nicht twittern.

Zora Debrunner: Geht schon. Bei meiner Arbeit habe ich nicht mal das Handy dabei.

Sie haben fast 1700 Follower auf Twitter. Haben Sie eine Ahnung, wer diese Leute sind?

Debrunner: Natürlich nicht alle. Aber 30 oder 40 davon habe ich kennen gelernt, es sind auch Freundschaften daraus gewachsen.

Wie haben die Leute Sie gefunden?

Debrunner: Das müssten Sie die Leute selbst fragen…

…das wäre etwas aufwendig.

Debrunner: Vielleicht, weil ich über den Tatort twittere, oder weil ich Blogs veröffentliche. Mit Thurgauer Followern rede ich viel über Politik. Dann gibt es eine Gruppe, mit denen ich über literarische Fragen oder Kunst rede, und es gibt sehr private Konversationen.

Haben Sie nie überlegt, was Sie so interessant macht, dass eine respektable Anzahl Leute Ihre Mitteilungen lesen möchte?

Debrunner: Nein. Das ist auch nicht wichtig.

Nicht wichtig? Sie haben gerade Ihren 50 000. Tweet abgeschickt.

Debrunner: Vielleicht twittere ich ja zu viel, aber es gibt Themen, über die ich gerne schreibe – was andere Leute offensichtlich gerne lesen.

Sie sind eine extrem öffentliche Person – und haben gleichzeitig einen geschützten Bereich für Ihr Privatleben eingerichtet.

Debrunner: Ich trenne das stark. Mein Autorenname Zora Debrunner ist nicht mein bürgerlicher Name, an meinem Arbeitsplatz wissen nur wenige, dass ich twittere.

Wer aber Ihre Tweets verfolgt, gewinnt den Eindruck, Sie seien dauernd auf Sendung.

Debrunner: Der Eindruck trügt. Während meiner Arbeit bin ich offline; die Menschen, die ich betreue, stehen nicht in der Öffentlichkeit. Sie werden von mir als Fachperson, nicht von einer öffentlichen Person, betreut, darum trenne ich das. Abends arbeite ich oft an Texten – und wechsle zwischendurch zu Twitter, wie jemand, der eine Rauchpause macht. Manchmal ergibt sich daraus ein intensiveres Gespräch.

Liest man, was die Menschheit auf Twitter alles von sich gibt, dann sind die Grenzen zwischen Nachricht, Plauderei und Selbstinszenierung fliessend.

Debrunner: Twitter ist wie das richtige Leben: Es gibt Leute, die «guten Morgen» wünschen, solche, die über News reden, über private Dinge berichten oder übers Fernsehprogramm schimpfen… mit der Zeit freut man sich, wenn man bestimmte Leute antrifft. Vielleicht bin auch ich mal informell, wenn ich müde bin. In der Regel bin ich aber engagiert beim Schreiben. Ich mische mich gern ein.

Auf Twitter mischen Sie sich ein und äussern pointiert Ihre Meinung. Was haben Sie gemacht, bevor es Social Media gab?

Debrunner: Einen Brief geschrieben.

Einen Brief?

Debrunner: Ja. Wurde ich in einem Laden schlecht bedient, habe ich das dem Chef in einem Brief mitgeteilt. Auf Twitter ist das ähnlich. Es gibt Leute, die sich sehr abfällig über andere äussern. Ohne, dass ich mich als Polizei aufspielen möchte: Wenn mich etwas nervt, schreibe ich das.

Die Rückmeldungen darauf sind oft nicht nur sympathisch…

Debrunner: Meistens sind Rückmeldungen konstruktiv. Es gibt wenige Leute, die nicht nett sind – die kann ich blocken. Dann bin ich sie los.

Wen blocken Sie denn?

Debrunner: Solche, die mich bedrohen, rassistisch sind, frauenfeindlich... Also Leute, die man auch sonst im Leben nicht braucht.

Sie pflegen beim Schreiben auch die lange Form. Alles lässt sich nicht in 140 Zeichen ausdrücken.

Debrunner: Das meiste lässt sich in einem Tweet ausdrücken.

In Ihrem Blog über Ihre demenzkranke Grossmutter Paula beschreiben Sie subtile Beobachtungen. Das geht nicht in 140 Zeichen.

Debrunner: Blogs sind ja gerade dazu da, um Themen zu vertiefen. Trotzdem: Auch in einem Tweet lassen sich Gefühle formulieren.

Was war der Auslöser, über Ihre Grossmutter zu schreiben?

Debrunner: Wenn mich etwas bewegt, schreibe ich es. Für mich ist es schwieriger, über Gefühle zu reden. Ich kümmere mich seit mehreren Jahren um meine Grossmutter. Es kam die Phase, als es ihr immer schlechter ging und ich wusste, jetzt brauchen wir ein Pflegeheim – darüber konnte ich nicht reden, ich war blockiert. Also beschloss ich, darüber einen Blog zu machen.

Hat sich die Blockade gelöst?

Debrunner: Ja. Für mich ist das eine Form der Verarbeitung. Demenz ist in Tabu-Thema, aber eines, das sehr viele Leute betrifft, wie ich aus Rückmeldungen schliessen kann. Die Krankheit ist eine grosse Belastung hauptsächlich für Frauen, die ihre Angehörigen pflegen.

Geben Ihnen Reaktionen auf Ihre Texte Bestätigung?

Debrunner: Meine Motivation beim Schreiben ist eine andere. Ich verfasse viele Texte, die nie jemand lesen wird. Beim Blog über meine Grossmutter geht es weniger um mich, mir ist das Thema wichtig. Wir wissen kaum etwas über die Dimension der Pflege, die von Angehörigen geleistet wird. Wer demenzkranke Angehörige pflegt, ist oft allein.

Sie kümmern sich intensiv um Ihre Grossmutter – woher nehmen Sie die Energie dafür?

Debrunner: Ich schöpfe Energie aus verschiedenen Quellen – aus der Natur, aus meiner Beziehung, aus dem Schreiben.

Schreiben kostet Sie keine Energie, sondern gibt Ihnen welche?

Debrunner: Ja! Wenn ich nicht mehr schreiben kann, ist es wohl fertig mit mir.

Was hält Ihr Freund von Ihrem Drang zu schreiben, zu twittern?

Debrunner: Er twittert auch.

Er teilt also Ihre Interessen. Sehen Sie sich auch real?

Debrunner: Wir verbringen viel Zeit miteinander. Dem Klischee, dass wir nur per Twitter miteinander kommunizieren, kann ich mich nicht bedienen.

Über Ihren Vater bloggen Sie auch: Man merkt, dass Sie ihn gern haben, dass er eine wichtige Figur für Sie ist, dass Sie Mühe haben, ihn nun so erkrankt zu sehen – das sind sehr persönliche Gedanken.

Debrunner: Es geht ihm übrigens wieder besser. Jedenfalls: Ganz viele Dinge in der Literatur beginnen ja damit, dass man Emotionen ausdrückt. Wieso soll man nicht über Dinge schreiben, die tiefer gehen?

Nahe gehen Ihnen Frauenfragen: In Ihrem Twitter-Profil deklarieren Sie sich bewusst als Feministin.

Debrunner: Ich habe das Glück, einer Generation Frauen anzugehören, für die vieles selbstverständlich ist. Trotzdem merke ich gerade bei der Arbeit, dass es immer die Frauen sind, die zurückstehen, etwa bei Führungsaufgaben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Frauen auch heute noch warten, bis der Märchenprinz sie küsst – das ist aber nicht die Realität. Deshalb verstehe ich mich auch als Frau, die andere Frauen dazu motiviert, auf die Hinterbeine zu stehen.

Trauen Frauen sich weniger zu?

Debrunner: Frauen sind offenbar so erzogen, immer darauf zu schauen, dass es allen anderen gut geht, bevor sie an sich selbst denken.

Mit offensichtlichem Stolz auf Ihre Herkunft deklarieren Sie sich als «thurgovienne par coeur».

Debrunner: Ich bin stolze Thurgauerin.

Was macht denn den Thurgau, den Sie so lieben, aus?

Debrunner: Haben Sie noch eine Stunde Zeit?… Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne und liebe die Regionen des Kantons. Es gibt keine einzige Jahreszeit, die hier nicht schön ist. Ich bin nie länger als eine Woche weg, weil ich sofort Heimweh habe. Und ich mag die Leute.

Wofür?

Debrunner: Die Thurgauer sind bescheiden und pragmatisch. Für Aussenstehende vielleicht etwas verschlossen: Es dauert, bis ein Thurgauer auftaut. Aber dann hat man einen loyalen Freund fürs Leben – wenn man sich nicht über den Dialekt lustig macht…

Was wir nie tun würden!

Debrunner: …sonst hat man einen Feind fürs Leben.

Sie provozieren im Netz gerne mit Aussagen wie «der Thurgau gehört nicht zur Ostschweiz».

Debrunner: Ab und zu eine virtuelle Schlägerei darf sein! Der Thurgau gehört aber tatsächlich nicht richtig zur Ostschweiz, aber auch nicht zu Zürich oder sonst wohin. Der Thurgau ist eigenständig, auch politisch übrigens. Die Thurgauer wollen ihr Ding selber machen.


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