Strafen sind gefährlich

MACHTPOSITION ⋅ Der Umgang mit Belohnung und Bestrafung an Schulen ist heikel. Lehrer können mit Sanktionen viel Unheil anrichten. Sitzstreiks sind an Thurgauer Schulen allerdings kein verbreitetes Bestrafungssystem.
30. Januar 2017, 05:36
Larissa Flammer

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Eine neue Erziehungsmethode an Thurgauer Schulen – sogenannte Sit-ins oder Sitzstreiks – machte vor gut zwei Wochen Schlagzeilen. Die Methode aus dem Konzept «Neue Autorität» des israelischen Psychologen Haim Omer diene dazu, auffällig gewordenen Schülern die Gelegenheit zu bieten, ihre Fehler einzusehen und Lösungsvorschläge zu präsentieren. Dazu werde die ganze Klasse zusammengerufen und warte darauf, dass sich die betroffenen Personen melden. Das Thurgauer Amt für Volksschule habe den Psychologen sogar an eine Lehrerweiterbildung zum Thema Sitzstreiks und «Neue Autorität» eingeladen.

Amtschef Beat Brüllmann relativiert auf Anfrage: «Die Schulberatung hat Kurse zum Thema ‹Neue Autorität› angeboten. Sitzstreiks waren dabei aber kein Thema.» Diese Methode sei im Schulalltag eher selten hilfreich. Brüllmann weiss von Schulen im Kanton, welche Sitzstreiks ausprobiert haben. «Ich weiss allerdings nicht, mit welchem Erfolg.» Die Schlagzeilen seien aus Missverständnissen entstanden.

Sit-ins sind für Familientherapien

Das Amt für Volksschule hat gemäss Brüllmann mit Strafen an Schulen nichts zu tun. «Die Schulen haben eine hohe Autonomie.» Auf Anfrage biete die Schulberatung Hilfe zum Thema Problemlösung an. «Die Schulen müssen aber auf uns zukommen.» Das Amt schalte sich erst ein, wenn angewendete Strafen nicht gesetzeskonform seien.

Im Weinfelder Primarschulzentrum Paul Reinhart werden Sit-ins nicht praktiziert. Dort gibt es ein «Knöllchensystem» mit Strafpunkten, wie Schulleiterin Katrin Zürcher sagt. «Grundsätzlich wollen wir so selten wie möglich bestrafen. Trotzdem haben wir gewisse Schulhausregeln.» Lehrer würden bei Fehlverhalten in erster Linie das Gespräch suchen, sei es mit Schülern einzeln oder im Klassenverband. «Wirft aber beispielsweise ein Schüler auf dem Pausenplatz jemandem einen Eisklotz an den Kopf, bekommt er ein Knöllchen», erzählt Zürcher. Bei einer gewissen Anzahl Knöllchen muss der Schüler dann am Mittwochnachmittag nachsitzen.

Nachsitzen ist auch in Romanshorn ein Thema, wie Schulleiterin Irene De Boni vom Primarschulkreis A sagt. Der Lehrer könne einen Schüler beispielsweise auffordern, nicht gemachte Aufgaben ausserhalb des Unterrichts nachzuholen. «Sit-ins gibt es bei uns nicht.» De Boni sagt, dass diese sich eher im Bereich der Familientherapie bewährt hätten. Dabei gehe es um die Präsenz der Eltern. Darum, dass sie beharrlich bleiben und den Kindern signalisieren: «Wir sitzen das gemeinsam aus.»

«Lehrer müssen gegen Regelverstösse vorgehen»

Belohnung und Bestrafung beschäftigt auch die Studenten der PH Thurgau. «Es gibt zwar heute keine Prügel mehr, die heutigen Formen sind aber psychologisch auch nicht ungefährlich», sagt Peter Steidinger, Dozent für Psychologie und Pädagogik. Es bestehe einerseits die Gefahr, dass Lehrer den Kindern beibringen, die eigene Machtposition für das Lösen von Problemen in die Waagschale zu werfen. Andererseits könne es auch sein, dass Kinder den Ort der Strafe meiden und die Schule für sich als irrelevant einstufen. «Trotzdem müssen Lehrpersonen klar gegen Regelverstösse vorgehen», betont Steidinger. Sie müssten dies aber sehr bewusst und mit Augenmass tun. «Wenn der Lehrer und die Schulleitung hinter einem Vorgehen stehen, unterstützen dies meist auch die Eltern und im Idealfall sogar die Schüler.»


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