Schlaflos im Rebberg

FROSTNÄCHTE ⋅ Bereits die zweite Nacht in Folge mussten Thurgauer Winzer und Obstbauern sich Sorgen um ihre Ernte machen. Unzählige Feuer sollten die frostigen Temperaturen mildern – und boten gleichzeitig schöne Motive für Fotografen.
21. April 2017, 18:12
Manuel Nagel, Mario Testa und Martina Eggenberger Lenz
«Also jedes Jahr brauch ich das nicht», sagt Alfons Angehrn. Es ist kurz vor halb vier in der Nacht und der Rebberg, der sich hinter dem Wasserschloss Hagenwil erstreckt, steht buchstäblich in Flammen. 220 Kessel mit Holzscheiten hat Schlossherr Angehrn mit vier Helfern in Brand gesteckt, damit es ein wenig wärmer wird und die Rebstöcke nicht erfrieren.
  • Das schöne Bild trügt: Die Frostnächte können verheerende Folgen haben.
  • Die Frostkerzen sollen die Temperatur im Rebberg um einige wenige Grad heben.
  • Die Frostkerzen waren vielerorts ausverkauft. Die Winzer helfen sich mit Pellets aus.

Auch im Thurgau schützen Winzer ihre Rebstöcke vor der nächtlichen Kälte. Bilder vom Rebberg beim Schloss Hagenwil und den Rebbergen in Weinfelden. (Bilder: Manuel Nagel)


Es ist kalt. Das Thermometer zeigt Minusgrade an. Drei Grad unter null oder gar noch kälter wird es in dieser Nacht auf Freitag noch werden. Alfons Angehrns Frau Annemarie bietet heissen Tee an. Im Schein der flackernden Feuerin liegen auch noch ein paar Dutzend Schoggi-Ostereier in einem Korb, doch die dürften steinhart sein. Hart ist es auch für die Reben. «Für kurze Zeit halten sie es aus, aber nicht eine ganze Nacht. Bei Minus zwei Grad liegt bei den Reben die kritische Grenze», sagt Alfons Angehrn und schaut hoch in den Rebberg, der mittlerweile komplett eingeräuchert ist. Zumindest die 60 Aren, die er mit seinen Helfern vorbereiten konnte. Die restlichen Rebstöcke hat er mit Blachen abgedeckt. «Mal schauen, ob das etwas hilft.»

Auch die Winzer untereinander helfen sich. Die Hagenwiler haben sich mit den Götighofer und Weinfelder Kollegen beratschlagt und abgesprochen, wann man die Feuer anzünden soll.

Holzpellets statt Frostkerzen

In der zweiten Nacht in Folge brannten auch in den Rebbergen am Ottenberg Hunderte kleiner Feuer. Bei einigen Winzern kamen aufgrund der knappen Vorräte von Frostkerzen einfache Feuer aus Holzpellets zum Einsatz. «Diese Methode hat der Graubündner Rebbaukommissär am Donnerstag noch vorgestellt», sagt der Weinfelder Selbstkelterer Michael Burkhart. «Die Methode funktioniert auch gut, und übrig bleibt Dünger für die Reben in Form von Asche.»

Trotz intensivem Einsatz der ganzen Familie Burkhart und den Lehrlingen mit Kerzen und Feuern, die beiden Frostnächte haben den Reben am Ottenberg zugesetzt. «Die grössten Schäden hat die Bise mit sehr tiefen Temperaturen in der Nacht auf Donnerstag angerichtet. Das genaue Ausmass kenne ich noch nicht, das zeigt sich erst im Verlaufe der kommenden drei Wochen», sagt Burkhart. «Ich hoffe, dass es jetzt vorbei ist mit den Frostnächten. Wenn uns nicht noch Hagel ein Strich durch die Rechnung macht, bin ich optimistisch für die Reben, auch dank der Frostruten, die wir zur Sicherheit haben stehen lassen.»

Viele Blüten sind noch nicht befruchtet

Auch die Obstbauern im selbsternannten Apfeldorf Altnau haben eine unruhige Nacht hinter sich. Am Morgen roch es überall nach Rauch. Die Landwirte haben in den Plantagen Kerzen angezündet, Holzschnitzel-Haufen angezündet, die Hagelnetze über den Bäumen zugemacht und das Gras frisch gemulcht. «In einer solchen Situation zählt jedes Zehntel Grad, das wir herausholen können», sagt Kurt Früh.

Bauer Jürg Roth, der in der Nacht mehrfach seine Feuerstellen kontrolliert hat, bilanziert: «Der Schaden ist schwer abschätzbar.» Man versuche als Landwirt jeweils alles, um spätere Ertragsausfälle zu verhindern. Eine Garantie gebe es trotz aller Massnahmen nicht. Auch Früh betont, dass die Ernte trotz günstigerer Wetterprognosen nicht gerettet ist. «Sorge bereitet mir, dass die Bienen in den letzten Tagen nicht geflogen sind.» Viele Blüten seien noch gar nicht befruchtet.

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