Kind mag nicht mehr zum Papi

TRENNUNGEN ⋅ Bei Trennungen kommt es immer wieder vor, dass die Kinder keinen Kontakt mehr zur Mami oder zum Papi wollen. Ab zwölf oder dreizehn Jahren können auch Behörden und Gerichte nicht mehr viel bewirken.
02. Mai 2016, 16:37
IDA SANDL

Die Trennung ist vollzogen, das Besuchsrecht geregelt. Und dann will Dennis (Name geändert) seinen Vater nicht mehr sehen, jedes zweite Wochenende gibt es Theater. Sie könne ihren Sohn nicht zwingen, sagt die Mutter. Sie hetzt ihn gegen mich auf, vermutet der Vater.

Der Streit eskaliert, Kesb und Gerichte werden eingeschaltet, manchmal landen Vater, Mutter, Kind beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD). Bei Scheidungs- oder Trennungskonflikten passiere es relativ häufig, dass Kinder nicht mehr zu einem Elternteil wollen, sagt Dieter Stösser, leitender Arzt der KJPD-Tagesklinik und der Fachstelle Gutachten und Jugendforensik in Münsterlingen. «Ohne dass offensichtliche Gründe erkennbar sind.» Wenn weder Gewalt noch Missbrauch im Spiel ist, sei es meist eine vorübergehende Phase.

Total verkachelt

Es gibt aber auch Fälle, da verweigern Kinder dem Vater oder der Mutter strikt und dauernd den Kontakt. Etwas mehr als fünf Mal im Jahr ist Stösser als Gutachter mit solchen Situationen konfrontiert. «Das ist immer sehr tragisch.» Monika Egli-Alge, Psychologin und Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz, spricht von etwa einem Dutzend Gutachten jährlich, in denen es darum geht, dass Kinder nicht mehr zu Vater oder Mutter wollen. «Wenn sie zu uns kommen, ist die Situation meist schon total verkachelt», sagt Monika Egli-Alge.

Denn, selbst wenn die Eltern sich nicht mehr riechen können: grundsätzlich das Beste für das Kind ist eine Beziehung zu beiden Eltern. «Wer einen Elternteil aus seinem Leben ausklammert, der lehnt damit einen Teil von sich selber ab», sagt Stösser. Eine gesunde Entwicklung fördere das nicht.

Hinter der Verweigerung der Kinder stehe meist ein Loyalitätskonflikt. Die Eltern sind heillos zerstritten, machen sich gegenseitig schlecht, erwarten vielleicht sogar, dass das Kind sie dabei unterstützt. «Der ausgegrenzte Elternteil muss dabei gar nicht der aggressivere oder inadequat vorgehende Part sein», stellt Stösser klar. Das Kind solidarisiere sich meist mit demjenigen, bei dem es lebt. Meistens ist das die Mutter. Der Vater bleibt auf der Strecke und ist verletzt. Die meisten Männer ziehen sich resigniert zurück. Manche würden in ihrer Ohnmacht und Verzweiflung sehr ungeschickt reagieren. Indem sie etwa vor der Wohnung von Mutter und Kind Radau machen, anklagende Briefe schreiben. Dies bringe selten etwas Positives in Gang oder das Kind zurück. Im Gegenteil. «Wir coachen die Eltern, damit sie unterscheiden zwischen ihren Problemen als Paar und ihren Pflichten als Eltern», sagt Christian Jordi, Präsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Kreuzlingen. Dass Kinder ihre Eltern partout nicht mehr sehen wollen, komme zum Glück selten vor.

Kindesrecht vor Elternrecht

Wenn es hart auf hart kommt, ist für Jordi aber klar: «Wir stellen das Kindesrecht vor das Elternrecht.» Sobald das Kind urteilsfähig sei, also ab 15 Jahren sei es ohnehin sehr schwierig, etwas zu bewirken. «Wenn ein Kind sich ernsthaft weigert und älter als zwölf ist, kann man von Seiten der Gerichte oder Behörden fast nichts mehr machen», bestätigt auch Susanne Pfeiffer-Munz, die Gerichtsschreiberin von Kreuzlingen. Bevor aufgegeben wird, versuche man zwar, mit begleitetem Besuchsrecht oder Gesprächen die Situation zu retten. Doch: «Die Hilfsangebote nützen letztlich nur etwas, wenn die Betroffenen mitmachen wollen.»

Die Ursachen für die Verweigerungshaltung des Kindes liessen sich oft nicht fassen. «Wir wissen manchmal nicht, ob der eine Elternteil wirklich so schlimme Fehler gemacht hat oder ob der andere das Kind bewusst oder unbewusst beeinflusst.»

Manchmal machtlos

Besonders zu schaffen macht Susanne Pfeiffer-Munz: «Dass man machtlos ist und die Lösung, welche vernünftig, sinnvoll und für das Kind das Beste wäre, mitunter einfach nicht treffen kann.»

Es lässt sich auch nicht alles lösen. «Wie in einer Beziehung muss man manchmal auch das eigene Kind loslassen», sagt Monika Egli-Alge. Und ihm damit die Chance geben, irgendwann, frei von Schuldgefühlen zurück- zukehren.


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