«Heisse Zelle» stösst auf kühle Köpfe

Im künftigen Atomendlager werden in einer sogenannten «heissen Zelle» Kernelemente in neue Behälter verpackt. Im vom möglichen Endlager im Weinland betroffenen Thurgau wirft dieser Sachverhalt keine Wellen – im Gegensatz zum Kanton Schaffhausen.
19. Juli 2011, 01:05
Christof Widmer

Frauenfeld. Über dem künftigen Tiefenlager für hochradioaktive Abfälle wird nicht nur ein Eingangshäuschen stehen. Auf dem mehrere Hektaren umfassenden Gebäudekomplex ist auch eine sogenannte Umpackanlage vorgesehen. Sie wird die strahlenden Brennstäbe von den Castorbehältern aus dem Zwischenlager Würenlingen in die Endlagerbehälter umladen. Laut der «Sonntagszeitung», die diesen Sachverhalt aufgegriffen hat, gilt diese Anlage im Fachjargon als «heisse Zelle», für die es besondere Sicherheitsvorkehrungen braucht.

Das lässt im Thurgau aufhorchen. Hier sind immerhin die drei Gemeinden Schlatt, Basadingen-Schlattingen und Diessenhofen vom möglichen Endlagerstandort im benachbarten Zürcher Weinland betroffen. Diese Gemeinden könnten sogar Standort für die Oberflächenanlage mitsamt «heisser Zelle» werden.

«Fördert Vertrauen nicht»

Was genau die Oberflächenanlage umfassen könnte, darüber hat die Nationale Genossenschaft über die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) in der Öffentlichkeit noch nicht informiert. «Das fördert das Vertrauen nicht gerade», kritisiert Kurt Engel, Gemeindeammann von Schlatt. Ein Teil der Bevölkerung sei sowieso nicht erbaut über die Perspektive eines Endlagers vor der Haustür. Engel verlangt nun genaue Auskunft von der Nagra. Er werde das Thema in der Regionalkonferenz zur Sprache bringen. Das ist ein neues Mitsprachegremium für die betroffenen Regionen.

Trotz allem wirft die Umpackanlage im Thurgau bei weitem keine so hohen Wellen wie im Kanton Schaffhausen, der traditionell endlagerkritisch ist. Dort hat die Regierung vom Kantonsrat sogar den Auftrag erhalten, das Endlager im Kanton Zürich zu bekämpfen. Eine Umpackanlage komme gar nicht in Frage, zitierte die «Sonntags-Zeitung» denn auch den Schaffhauser Regierungspräsidenten Reto Dubach.

Das Thema «heisse Zelle» soll sachlich diskutiert werden, sagt dagegen Gemeindeammann Engel. Er und seine Kollegen in Diessenhofen und Basadingen-Schlattingen, Walter Sommer und Peter Mathys, haben ihre Haltung zum Endlager nicht geändert: Falls das benachbarte Weinland der geologisch sicherste Standort ist, soll das Lager dort gebaut werden, sagt Stadtammann Sommer.

Er und Mathys sind über die nun ins Gerede geratene Umpackanlage keineswegs überrascht. Neu sei nur der Ausdruck «heisse Zelle», sagt auch Jürg Hertz, Chef des Amts für Umwelt. Alles andere sei in Fachkreisen bekannt.

Umpacken im Zwischenlager?

Regierungsrat Jakob Stark bringt eine weitere Variante ins Spiel: Die Umpackanlage könne sowohl im Zwischenlager als auch im Endlager stehen. «Beide Varianten sind denkbar, die Sicherheitsbestimmungen müssen einfach eingehalten werden.» Wichtig sei, dass bald Klarheit herrscht.

Die Atomgegner reiben sich derweil die Hände. Ob nun eine Umpackanlage vorgesehen sei oder nicht, ändere nichts an seiner kritischen Haltung zum Endlager, sagt Urs Oberholzer, Präsident der Grünen Partei und der Thurgauer Allianz «Nein zu neuen AKW». «Es stört mich aber nicht, wenn andere Leute die heisse Zelle als bedrohlich empfinden» – und so für die Idee eines Atomausstiegs gewonnen werden können.


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