Funktioniert die Energiewende?

BERECHNUNGEN ⋅ Hans-Werner Sinn von der Ludwig-Maximilians-Universität München eröffnete mit dem Referat «Wie viel Zappelstrom verträgt das Netz?» die Veranstaltungsreihe «Die Grenzen des Wissens: Unsere Zukunft».
16. März 2017, 05:36

Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn analysierte in seinem Referat die Energiewende in Deutschland und stellte die Frage ins Zentrum: «Ist die deutsche Energiewende tatsächlich solch ein grosser Erfolg, wie von der Bundesregierung propagiert?» Die Energieverbrauchsstruktur im Jahr 2014 in Deutschland zeige, dass fossile Brennstoffe mit einem Anteil von rund 84 Prozent zu Buche schlügen, die restlichen 16 Prozent seien erneuerbare Energieformen. Hans-Werner Sinn fokussierte in seinem Referat den Verbrauch an Strom, den er im gesamten Energiewarenkorb mit rund 22 Prozent auswies. «Dieser Strom wird zu mehr als der Hälfte aus fossilen Brennstoffen produziert, 15 Prozent entfallen auf Wind- und Sonnenstrom, weitere 15 Prozent auf Atomstrom.»

Ausbau nur bedingt möglich

Kann der Anteil an Solar- und Windenergie noch ausgebaut werden, um den CO2 -Ausstoss zu verringern? Ein Ausbau der Solaranlagen und Windkraftwerke allein würde nicht reichen, so Sinn. «Die Produktion erneuerbarer Energien ist sehr volatil, einmal sind sie da, dann wieder nicht.» Um diese Volatilität aufzufangen, brauche es Doppelstrukturen, das heisst, konventionelle Kraftwerke wie beispielsweise Braunkohle, die diese Versorgungsschwankungen auffangen. Könnte der Strom gespeichert werden, würde er in Spitzenzeiten auch zur Verfügung stehen. Allerdings würde dies grosse Mengen an Speichermöglichkeiten erfordern, die momentan gar nicht zur Verfügung stünden. Nach den Berechnungen des Wissenschafters wäre unter Ausschöpfung aller Speichermöglichkeiten auch im internationalen Austausch in Deutschland ein Ausbau auf maximal rund 60 Prozent das Maximum.

Die anschliessende Fragerunde wurde sehr emotional geführt. Einige Votanten äusserten sich kritisch zu den Kosten, die Hans-Werner Sinn aus ihrer Sicht zu betriebswirtschaftlich berechnet habe. Weitere sahen in der technischen Entwicklung Möglichkeiten für einen Ausbau bei der Versorgung durch erneuerbare Energien. Andere stellten die Analyse von Teilaspekten in Frage, vermissten die Sicht auf das Gesamte und drängten den Referenten zu einem Lösungsvorschlag für die Politik, der sich jedoch aus seinen Ausführungen nicht einfach herleiten liess.

Atomkraftwerke nicht abschalten

Seine persönliche Überzeugung sei es, vor dem Hintergrund seiner Forschung, dass man Atomkraftwerke nicht abschalten sollte, aber ob dies angesichts der damit verbundenen Gefahren richtig sei, das könne er nicht abschliessend beantworten, sagt Sinn. Abschluss der Diskussion bildete die Frage, wie viel sich Länder die Energiefrage kosten lassen sollten. Auch dies wurde kontrovers diskutiert, da nicht alle Länder über entsprechende finanzielle Mittel verfügten. Prof. Sinn vertrat die Meinung, dass sich die Länder dies aber unbedingt etwas kosten lassen sollten.

Im vierteiligen Vortragszyklus der Pädagogischen Hochschule Thurgau, der Universität Konstanz, der Akademie Berlingen und der Internationalen Bodenseehochschule legen Referenten dar, wie Fragen rund um die grossen Probleme der Menschheit gelöst werden können. (red)


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