Fall um "Schläger von Kreuzlingen" muss neu beurteilt werden

Das Bundesgericht verlangt eine Neubeurteilung. (Keystone)
KREUZLINGEN/LAUSANNE. Teilerfolg für die beiden jungen Männer, die vor 6 Jahren im Bahnhof von Kreuzlingen zwei Gleichaltrige grundlos zusammengeschlagen haben. Das Bundesgericht verlangt eine Neubeurteilung, weil keine versuchte vorsätzliche Tötung vorliegt und das Gericht eine fehlerhafte Strafzumessung vornahm.
06. Mai 2015, 12:00
Urs-Peter Inderbitzin
Das Thurgauer Obergericht hatte den Haupttäter wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchter schwerer Körperverletzung zu viereinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht hatte es aufgrund von Videoaufnahmen als erstellt erachtet, dass der Täter mit voller Wucht gegen den Kopf seines Opfers zugetreten hatte. Zwar habe der Täter keinen direkten Tötungsvorsatz gehabt, er habe aber um die lebensgefährliche Wirkung von Fusstritten gegen den Kopf bzw. die Gefahr des Todes gewusst und sein regloses Opfer in einer offensichtlich hilflosen Lage liegen gelassen und dessen Tod in Kauf genommen.
 
Videos anders interpretiert
Anders hat nun das Bundesgericht die Videosequenzen interpretiert: Aus diesen sei nicht ersichtlich, dass das Opfer regungs- bzw. bewusstlos am Boden lag; vielmehr sei zu erkennen, dass sich der Zusammengeschlagene – während und solange der Schläger auf ihn eindrosch - deutlich bewegt habe. Beanstandet hat das Bundesgericht sodann auch, dass das Thurgauer Obergericht wegen den Fusstritten gegen den Kopf ein hohes bzw. gar sehr hohes Risiko des Todeseintritts bejaht hat. Das Institut für Rechtsmedizin St. Gallen hatte in einem Gutachten nämlich betont, die grosse Anzahl von Tritten auf das wehrlos am Boden liegenden Opfers könne zwar schwere und lebensgefährliche Verletzungen hervorrufen, ein gesteigertes Todesrisiko bestehe aber nicht.
 
Keine Lebensgefahr
Im konkreten Fall, so das Bundesgericht, habe sich das Opfer zwar nicht gegen die Tritte wehren können, war diesen jedoch – anders als eine bewusstlos am Boden liegende Person – zu keinem Zeitpunkt schutzlos ausgesetzt. Das Opfer „befand sich nie in (unmittelbarer) Lebensgefahr und wies keinerlei augenscheinliche Verletzungen auf. Die erlittenen Blutergüsse und Prellungen an Armen und im Gesicht konnten von ihm selbst behandelt werden und waren bereits nach vier Tagen überwiegend verheilt“. Auch dass die beiden Täter das Opfer liegen liessen, ohne sich um dieses zu kümmern, vermag laut dem Urteil aus Lausanne keinen Tötungsvorsatz begründen. Aus diesen Gründen hat das Bundesgericht die Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung aufgehoben.
 
Fehlerhafte Strafzumessung
Noch einmal über die Bücher muss das Thurgauer Obergericht auch im Fall des zweiten Täters, der zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt worden ist. Hier kommt das Bundesgericht zum Schluss, dass die Strafzumessung in mehrfacher Hinsicht bundesrechtswidrig ist. So lasse sich aus der Begründung nicht entnehmen, warum das Obergericht das Verschulden als schwer einstuft. Zudem muss das Obergericht die Vorverurteilung durch die Medien – Veröffentlichung von Tat- und Täterbildern – bei der Strafzumessung stärker berücksichtigen.
 
Der brutale Überfall hatte sich im Mai 2009 im Bahnhof Kreuzlingen zugetragen. Zwei Schweizer hatten grundlos zwei Gleichaltrige angegriffen und mit Fusstritten und Faustschlägen traktiert. Einer der Täter stiess den Kopf eines der Opfer mit grosser Wucht mehrmals gegen die Betonwand. Die beiden Opfer schützten ihren Kopf mit Armen und Händen und konnten auf diese Weise schwerere Verletzungen vermeiden. Der Fall um die Schläger von Kreuzlingen muss nun vom Thurgauer Obergericht noch einmal aufgerollt und neu entschieden werden

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