Eine Grossregion setzt die Segel

Mit 330 Millionen Franken will die Region St. Gallen-Bodensee das bisher grösste Agglomerationsprogramm einreichen. Projektleiter Tobias Winiger über Zuwachs aus dem Thurgau, Entscheidungsprozesse und die Konkurrenz.
08. Juni 2016, 02:35
CHRISTOPH ZWEILI

Herr Winiger, das Agglomerationsprogramm der Region St. Gallen-Bodensee gehört zu den erfolgreichsten. Die Ausschöpfungsquote von 74 Millionen Franken beim ersten 186-Millionen-Programm mit dem Ausbau der S-Bahn St. Gallen und der Durchmesserlinie Appenzell-St. Gallen-Trogen war die schweizweit höchste. Wie hoch ist die durchschnittliche Beteiligung des Bundes an Verkehrsinfrastrukturprojekten?

Tobias Winiger: Der Bund beteiligt sich mit 30 bis 50 Prozent an den Agglomerationsprogrammen. Die genaue Beteiligung ist abhängig vom Kosten-Nutzen-Verhältnis und wird in einem Prüfprozess für jedes Programm festgelegt. Berücksichtigt wird auch, wie gut die Umsetzung der ersten beiden Generationen vorwärtskommt. Da gehören wir schweizweit zu den umsetzungsstärksten Programmen.

Mit 90 Massnahmenpaketen und 330 Millionen Innovationskosten ist das dritte Programm mit dem Schwerpunkt Landschaft das bisher gewichtigste. Welches Zukunftsbild zeichnet die Agglomeration St. Gallen-Bodensee bis 2030?

Winiger: Die Siedlungs- und Verkehrsentwicklung sollen optimal aufeinander abgestimmt sein. Arbeitsplatz- und Bevölkerungswachstum finden hauptsächlich an hoch erschlossenen Lagen im Agglomerationskern und in den Nebenzentren statt. Im Agglomerationskern werden dazu die grossen Potenziale entlang der Hauptachsen und in den Nebenzentren die Potenziale der Bahnhofquartiere genutzt. Die Umsteigesituationen von Bahn und Bus und die Qualität des Zugangs zur Bahn werden optimiert.

Und in den ländlichen Gebieten?

Winiger: Da sind die Siedlungserneuerung im Bestand und die Wiederbelebung der Dorfkerne wichtige Ziele. Die Wohnquartiere weisen durch konsequente Tieftempogebiete und gute Zugänge zu attraktiven Naherholungsgebieten eine hohe Lebensqualität auf. Die Übergangsräume von der Siedlung zur offenen Landschaft bilden wichtige und per Fuss- und Veloverkehr erreichbare Naherholungsgebiete und sind für verschiedene Nutzungen attraktiv gestaltet.

Was sind die ambitioniertesten Projekte im neuen Programm?

Winiger: Die neue Bahnverbindung Arbon–St. Gallen und die «Velobahn», eine Art Autobahn für Velos entlang der SBB-Bahnlinie zwischen St. Gallen und Gossau. Der Ende 2014 mit dem zweiten Agglomerationsprogramm eingeführte Schnellbus Arbon–St. Gallen ist daher nur eine Übergangslösung

Und welches die teuersten?

Winiger: Zu den teuersten Vorhaben zählen der Autobahnzubringer Witen in Rorschach und die Neugestaltung von Bushof und Bahnhofplatz in Herisau.

Die dritte Röhre Rosenbergtunnel A1 mit Teilspange und die Bodensee-Thurtal- und Oberlandstrasse im Thurgau laufen nicht über das Agglomerationsprogramm. Wann werden diese umgesetzt?

Winiger: Bei beiden Vorhaben ist heute nicht klar, wann sie genau umgesetzt werden können. Die Kantone und die Agglomeration müssen sich gemeinsam dafür einsetzen, dass sie auf der nationalen Prioritätenlisten weit vorne plaziert sind.

Aus welchem Topf werden sie finanziert?

Winiger: Die dritte Röhre Rosenbergtunnel A1 mit Teilspange soll aus dem bestehenden Infrastrukturfonds des Bundes finanziert werden. Die BTS/OLS soll aus dem neu zu schaffenden Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) finanziert werden können.

Die Durchmesserlinie der Appenzeller Bahnen ist ein 60-Millionen-Projekt. Wie viel von den übrigen 126 Millionen der ersten Generation sind inzwischen umgesetzt?

Winiger: Die übrigen Infrastrukturprojekte sind zum grössten Teil im Bau, zum Beispiel der Bahnhofplatz St. Gallen. Oder sie sind bereits umgesetzt wie etwa die S-Bahn St. Gallen, die neue Linienführung der Kantonsstrasse in Arbon oder die Aufwertung der Altstadt Gossau.

Mit dem Projekt «Landschaft für eine Stunde» im dritten Programm beschreitet die Agglomeration St. Gallen-Bodensee schweizweit Neuland. Was ist daran so innovativ?

Winiger: Wir konnten ähnliche Aufgabenstellungen aus verschiedenen Gemeinden zu einem grösseren Projekt der Agglomeration bündeln. Dies ermöglichte einen Austausch zwischen den Gemeinden und einen gemeinsamen Lernprozess.

Kommt den Stadtlandschaften in einer neuen Ära der Verdichtung ein besonderer Stellenwert zu?

Winiger: Attraktive Naherholungsgebiete und öffentliche Räume tragen wesentlich zur Lebensqualität bei. Dies ist heute schon so und wird mit der zunehmenden Verdichtung der Siedlungsgebiete künftig noch viel wichtiger sein. Wichtig ist dabei auch, dass die Naherholungsgebiete rasch und mit Fuss- und Veloverkehr erreichbar sind.

Die Ostschweiz hat im Vergleich mit anderen Regionen grosse Defizite bei der Erreichbarkeit auf der Schiene. Welche Forderungen sind noch offen und daher zentral?

Winiger: Gemäss den offiziellen Planungen der Kantone, von Bund und SBB wird die Bahn 2000 auch im Jahr 2030 noch nicht wirklich in der Ostschweiz angekommen sein. Das Knotenprinzip von Bahn 2000, wie es im Mittelland weitgehend funktioniert, ist für den Osten nicht einmal mehr ein Versprechen.

Und wie steht es mit der internationalen Anbindung?

Winiger: Zentral für unsere Erreichbarkeit sind effiziente und gut getaktete internationale Verbindungen nach Bregenz–München und Konstanz–Singen(–Stuttgart). Auch hier kommen wir seit Jahren nur stotternd voran. Die S-Bahnen zwischen St. Gallen und Bregenz sind nicht zusammengehängt, obwohl sie sich im Halbstundentakt in St. Margrethen treffen!

Auf finanzielle Hilfe des Bundes hoffen darf man immer, doch die Konkurrenz ist gross: Auch in der Ostschweiz, wo es sechs Agglomerationsprogramme gibt. Bekommt am meisten Geld, wer das Bundesamt für Raumentwicklung am meisten beeindruckt?

Winiger: Ja, ein Programm muss überzeugend sein. Es genügt nicht, die hohle Hand zu machen. Der Bund nutzt in diesem Bereich zum Glück nicht die Giesskanne.

Kommt dazu, dass die Finanzierung des Bundes angeschlagen ist. Im Infrastrukturfonds sind gerade noch 230 Millionen Franken, und der Nachfolger, der NAF, ist politisch umstritten. Bleibt das dritte Programm der Agglomeration also ein Papiertiger?

Winiger: Wir gehen davon aus, dass der NAF oder ein anderes Nachfolgegefäss zum aktuellen Infrastrukturfonds geschaffen wird, damit die kommenden Generationen der Aggloprogramme finanziert werden können. Diese sind schweizweit etabliert und breit akzeptiert.

St. Gallen definiert sich als Zentrum der Agglomeration, zu der inzwischen 27 Gemeinden in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau gehören. Fünf Oberthurgauer Gemeinden kamen neu dazu – gibt es Projekte aus diesen Gemeinden im neuen Agglomerationsprogramm?

Winiger: Ja. Beispielsweise wurde wie im zweiten Programm eine umfangreiche Schwachstellenanalyse zum Fuss- und Veloverkehr in diesen Gemeinden durchgeführt. Daraus resultieren Massnahmen zur Verbesserung der Fuss- und Velowegnetze. Daneben wurden Betriebs- und Gestaltungskonzepte für verschiedene Strassenabschnitte aufgenommen und Massnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Ein Schlüsselprojekt ist die Gleisquerung Süd beim Bahnhof Romanshorn.

Die Region umfasst ein Hauptzentrum und sieben Nebenzentren – wem kommt jetzt welche Bedeutung zu?

Winiger: St. Gallen vereint als Hauptzentrum der Agglomeration einige Funktionen einer Metropole, zum Teil mit internationaler Ausstrahlung. Die Nebenzentren sind mit dem Hauptzentrum und untereinander hervorragend vernetzt und sind, neben dem Hauptzentrum, die regionalen Brennpunkte der Entwicklung. In einem Strukturbild wird die Bedeutung der einzelnen Gemeinden oder Siedlungen aufgezeigt.

Wie werden die Massnahmen demnach priorisiert?

Winiger: Für die Priorität entscheidend ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis und der Reifegrad der Massnahme. Zudem müssen die Massnahmen mit den Investitionsprogrammen der Gemeinden und Kantone (Strassenbau- und öV-Programme) abgestimmt werden.

Bei 27 Mitgliedgemeinden gibt es unterschiedliche Begehrlichkeiten. Gibt es ein Gesamtverständnis?

Winiger: Wir sind mittlerweile seit 2004 mit dem Agglomerationsprogramm unterwegs – das Gesamtverständnis der Einzelnen ist heute klar ein anderes als vor zehn Jahren. Die Herausforderungen von Siedlungs- und Verkehrsentwicklung können nur gemeinsam sinnvoll angegangen werden. Jedes einzelne neue Haus abseits vom öffentlichen Verkehr hat zum Beispiel eine Wirkung auf die Auslastung der Stadtautobahn im Zentrum St. Gallen.


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