Ein städtebauliches Juwel

Der Thurgau ist ein ländlich geprägter Kanton. Das macht etwas vergessen, dass sein Hauptort ein städtebauliches Schmuckstück birgt. Der Ring um die Altstadt von Frauenfeld mit Promenade und Regierungsviertel entspricht in seiner Anlage dem grossen Vorbild in Wien.
14. Februar 2015, 02:46
MARTIN TSCHANZ

Natürlich ist das Schloss nicht die Hofburg und die Kantonalbank nicht die Staatsoper, aber gerade in der Anpassung des grossstädtischen Modells mit seinen Boulevards und Prachtbauten an die Verhältnisse der ländlichen Kleinstadt liegt ein besonderer Charme. In den vergangenen Jahren wurden die Bauten des Kantons umsichtig saniert und eine pflegende Erneuerung des öffentlichen Raums steht an. Grund genug, dieses Ensemble zu würdigen.

Anlagern, ohne zu zerstören

1813 wurde auf Initiative von Bernhard Greuter, dem Inhaber einer Textilfärberei, der Stadtgraben von Frauenfeld aufgefüllt und die Promenade angelegt. Sie bildet das Herzstück einer ringförmigen Anlage, an der sich die Grossbauten der neuen Zeit gleichsam von aussen her an das Städtchen anlagern konnten, ohne dessen Charakter zu zerstören. In relativ kurzer Zeit entstanden hier die Gebäude der Kantonsschule, das städtische Promenadenschulhaus, das Regierungsgebäude sowie das Verlagshaus Huber, das der einzige Privatbau an dieser repräsentativen Adresse war, als Heim der Thurgauer Zeitung aber eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben spielte. Alle diese Bauten wie auch die nahe gelegene Kaserne wurden von einem einzigen Architekten gestaltet: Johann Joachim Brenner, der auf diese Weise mit seiner etwas spröden, nüchternen Architektur das Gesicht des noch jungen Kantons prägte. Seine Bauten zeichnen sich durch eine ruhige, würdige Erscheinung aus. Dies erreichte er vor allem durch eine einfache, klare Gliederung der Baukörper und gute Proportionen, während Schmuckelemente nur sehr zurückhaltend zum Einsatz kommen.

Bis heute scheint dies sehr gut zum Charakter des Kantons zu passen. Es ist daher kein Zufall, dass auch das Verwaltungsgebäude, das 1968 das städtische Schulhaus ersetzte, diesen Prinzipien folgt. Deshalb fügt sich der so genannte Glaspalast trotz seiner modernen Formensprache erstaunlich gut in das Ensemble des 19. Jahrhunderts ein. Mit diesem Bau der Grenchner Architekten Müller und Haldemann wurde die Promenade als Ort der kantonalen Repräsentation nochmals gestärkt. Es bildete sich das Regierungsviertel heraus, das unter der Ägide des unlängst zurückgetretenen Kantonsbaumeisters Markus Friedli sorgfältig und konsequent weiterentwickelt wurde.

Sorgsam erneuert

Schrittweise wurden die alten Kantonsschulen als Obergericht und Kantonsbibliothek neu organisiert und das Verwaltungsgebäude, der botanische Garten und das Regierungsgebäude sorgsam erneuert. Leider scheiterte das Vorhaben, das Areal der Druckerei Huber für die kantonale Verwaltung umzuwidmen, so dass nun gewöhnliche Wohnungsbauten die Zone der öffentlichen Nutzungen stören. Die bauliche Konzentration der Verwaltung wird nun hinter dem Regierungsgebäude fortgesetzt werden müssen.

Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch die Umnutzung etlicher Wohnbauten und durch das neue Staatsarchiv der Architekten jessenvollenweider, mit dem die Ausdehnung des Regierungsviertels nach Nordosten hin ihren Abschluss findet. Die Terrasse mit ihren mächtigen Platanen bildet hier an der Geländekante eine Art Echo auf die Allee an der Promenade.

Dort sieht man von den Erneuerungen der letzten Jahre nicht sehr viel, und das ist auch gut so. Die teils erheblichen Eingriffe in die Bauten des Kantons respektieren deren Bestand und entlocken ihm neue Qualitäten. Im Regierungsgebäude zum Beispiel war die Gewölbehalle im Erdgeschoss ursprünglich nicht viel mehr als ein feuerfestes Behältnis für das Archiv. Durch sorgsam gestaltete Böden und eine zurückhaltende, zum Teil eigens dafür entworfene Ausstattung gelang es den Architekten Staufer & Hasler jedoch, die verborgene Schönheit dieser Räume erstrahlen zu lassen und einen repräsentativen, vielfältig nutzbaren Empfangsbereich einzurichten.

Nach aussen hin treten diese Eingriffe jedoch kaum in Erscheinung. Die Fassaden wurden gereinigt und repariert, die Farben aufgefrischt und Lambrequins (Fensterdekorationen) aus Chromstahl eingesetzt, die das Thema des ursprünglichen Sonnenschutzes neu interpretieren – mehr nicht. Augenfällig ist einzig die Neugestaltung des Vorplatzes, wo zwei Kandelaber an Säulen oder auch an Leuchttürme erinnern und dabei die Funktion der beiden Mammutbäume übernehmen, die 1929 dem Frost zum Opfer gefallen sind. In der Folge wurde das Gebäude arg vom Verkehr bedrängt, doch nun erhielt es seinen angemessenen Vorbereich zurück.

Die beiden flankierenden Bosketten unterstreichen mit ihrer abgezirkelten, fast schon architektonischen Gestalt die Symmetrie der Anlage. Gleichzeitig sind sie die Vorboten der zukünftigen Verlängerung der bestehenden Kastanienallee, dank der das Ensemble an der Promenade noch stärker zu einer Einheit zusammenfinden wird.

Vom Juwel zum Lehrstück?

Südlich der Altstadt sind überdies die Revitalisierung des alten Postgebäudes und ein Neubau der Hauptpost in Planung, die dem Postplatz und der Rheinstrasse neuen Glanz verleihen werden. Damit wird der Frauenfelder Ring wieder jene Stattlichkeit zurückgewinnen, die ihm im 19. Jahrhundert zugedacht worden war. Vielleicht wird es dereinst ja sogar noch gelingen, die östliche Zürcherstrasse, wie im Richtplan vorgesehen, in eine städtische Allee zu verwandeln. Dann erhielten die Altstadt und der um sie herum liegende Ring öffentlicher Anlagen eine würdige Verbindung zum modernen Stadttor an der Autobahn, und spätestens dann würde das Städtchen Frauenfeld vom Juwel zum eigentlichen Lehrstück in Sachen Städtebau.


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