Die gut gemeinte Bevormundung

KESSWIL ⋅ Das Ehepaar Visini aus Kesswil kam nach einem Spitalaufenthalt erst in ein Pflege-, dann in ein Altersheim. Sie wären lieber im eigenen Haus geblieben. Es wird zu viel über den Kopf von alten Menschen hinweg entschieden, sagt René Künzli, Präsident der Terz-Stiftung.
20. Februar 2016, 08:10
IDA SANDL

Herr Künzli, ein kinderloses Ehepaar (87 und 90) muss ins Spital. Danach darf es nicht mehr zurück ins eigene Haus. Die Behörden sagen, das sei nicht zumutbar. Wie weit darf man über ältere Menschen entscheiden?

René Künzli: Zum konkreten Fall kann ich nichts sagen, da ich die Details nicht kenne. Das Vorgehen zeigt aus meiner Sicht aber ein typisches Muster.

Inwiefern?

Künzli: Die Menschen werden – hier durch einen Sturz – aus ihrem Umfeld herausgerissen, sie kommen ins Spital, in eine völlig andere Umgebung, erhalten Medikamente. Das kann im hohen Alter dazu führen dass sie desorientiert und verwirrt werden. Die Verantwortlichen ziehen daraus den naheliegenden Schluss, dass die Patienten dement sind. Also schaut man, wo sie am sichersten aufgehoben sind. Das ist meist ein Heim.

Sie müssen aber nicht dement sein?

Künzli: Nein, in ihrem gewohnten Umfeld können sie sich durchaus wieder stabilisieren.

Wann ist die Selbständigkeit nicht mehr tragbar?

Künzli: Wenn Verwahrlosung einsetzt, kein soziales Umfeld vorhanden ist, eine fortgeschrittene Demenz oder Mangelernährung vorliegt. Ansonsten können auch Leute mit leichter Demenz begleitet noch selbständig leben.

Warum werden selbst Paare, die lange allein gelebt haben, im Heim oft sehr schnell unselbständig?.

Künzli: So ein Paar ist ein eingespieltes Team, es gleicht seine Schwächen gegenseitig aus. Im Heim ist es nicht mehr gefordert. Das geistige und körperliche Trainingsfeld von zu Hause ist weg, denn es ist ja für alles gesorgt.

Ist eigenes Haus besser als Heim?

Künzli: Es gibt viele sehr gute Heime und Bewohnende, die darin aufblühen. Wenn die Betroffenen aber im eigenen Haus bleiben möchten, und das nach einer vertieften Abklärung noch möglich ist, sollte man versuchen, diesen Wunsch zu erfüllen.

Das eingangs beschriebene Paar war sehr gut integriert im Dorf. Freunde haben sich gekümmert.

Künzli: Das ist ein Grund, der für den Verbleib im eigenen Haus spricht. Meiner Mutter würde ich zum Beispiel nach einem Spitalaufenthalt raten, in ein Kurhaus zu gehen. Hat sie sich erholt, könnte man versuchen, ob es im Haus noch klappt. Wir sollten mehr mit und nicht über ältere Menschen reden.

Die Freunde wollten dem Ehepaar helfen. Die Kesb wirft ihnen vor, sie hätten damit ihre Arbeit unnötig verzögert und verteuert?

Künzli: Das ist eine Argumentation, die ich nicht nachvollziehen und schon gar nicht teilen kann. Die Freunde kennen das Paar besser als Aussenstehende, selbst wenn es sich um Spezialisten handelt. Wenn keine Kinder da sind, wer soll sich einmischen, wenn nicht die Freunde?

Wie kann sich jemand rechtlich absichern?

Künzli: Man kann einen Vorsorgeauftrag verfassen, in dem steht, wer im Fall der Unmündigkeit die Rechtsvertretung, Vermögensverwaltung und Personensorge übernehmen soll. Wichtig scheint mir auch eine Patientenverfügung.

Ist es so, dass ab einem gewissen Alter die Spezialisten entscheiden?

Künzli: Unsere Gesellschaft hat die Tendenz, älteren Menschen die Entscheidung abzunehmen. Ich nenne es die gutgemeinte, fürsorgliche Bevormundung.

Haben Sie ein Beispiel?

Künzli: Ab 70 werde ich hinsichtlich Sicherheit im Strassenverkehr nicht mehr als mündig angeschaut. Ich muss zum Arzt, der bescheinigt, ob ich fähig zum Autofahren bin. Wir haben x Fälle gesehen, wo 80-Jährige ein ärztliches Zeugnis beim Grundbuchamt vorlegen mussten, wenn sie ihr Haus verkaufen wollten.

Man möchte auf diese Weise doch nur Unfälle und Betrug vermeiden.

Künzli: Das ist zwar gut gemeint. Aber man darf nicht alle Alten über einen Leisten scheren. Es gibt 80-Jährige, die sind geistig topfit. Unser heutiges Altersbild stimmt vielfach nicht mehr mit der Realität überein.

80 ist das neue 70?

Künzli: Die Menschen sind heute länger gesund und leistungsfähiger als früher Es ist aber auch eine finanzielle Frage. Je älter die Gesellschaft wird, umso weniger kann sie es sich leisten, alle ab 65 sozial zu entsorgen.

Was ist die Alternative?

Künzli: Die Menschen fordern, statt sie zu umsorgen. Wer eine Aufgabe hat, ist glücklicher und wird weniger krank, als jemand, der nicht mehr gebraucht wird.


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