«Die Prognosen der Klimaforscher waren zu optimistisch»

UMWELT ⋅ Gut 130 Delegierte der Grünen Schweiz versammelten sich gestern im Eisenwerk Frauenfeld und starteten in den Schlussspurt für die Energiestrategie 2050. Als Gastreferent trat der frühere deutsche Bundesumweltminister Jürgen Trittin auf.
30. April 2017, 12:05
Larissa Flammer

Von 1998 bis 2005 war Jürgen Trittin in Deutschland Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Trittin ist Parteimitglied von Bündnis 90/Die Grünen und Bundestagsabgeordneter.

Jürgen Trittin, sind Sie das erste Mal im Thurgau?

Ich war schon einmal da. Als ich in Konstanz war, bin ich mal kurz rüber. Ansonsten bin ich notorischer Zürich-Gänger, weil dort eine Freundin wohnt. In Solothurn bin ich oft, weil meine Schwester dort wohnt.

Wie gefällt es Ihnen hier?

Ich bin am Morgen von Zürich mit dem Zug durch die wunderschöne Landschaft gekommen. Die Sonne hat nach den nassen Tagen geschienen und der Dampf ist aus den Feldern aufgestiegen. Nicht einmal gemalt hätte es schöner ausgesehen.

Der Thurgau ist ein landwirtschaftlich geprägter Kanton, die Landwirte hatten vergangene Woche mit dem garstigen Wetter zu kämpfen. Können wir die Herausforderung, die der Klimawandel mit sich bringt, bewältigen?

Das Wetter wird tatsächlich immer extremer, und das macht der Landwirtschaft grössere Probleme. Es braucht resistentere Sorten, etwa bei den Reben. Die Landwirtschaft muss sich anpassen. Es wurde immer gesagt: Der Klimawandel wird unsere Kinder und Enkel quälen. Aber die Landwirte erleben bereits jetzt die Konsequenzen. Sie haben direkten Einfluss auf die Erträge.

Wenn Sie im Thurgau für Umwelt und Naturschutz zuständig wären, wo würden Sie den politischen Fokus setzen?

Das kann ich nicht sagen, dafür kenne ich den Thurgau zu wenig. Ich würde sicher versuchen, den natürlichen Reichtum der Umwelt zu erhalten. Ich komme aus einem Gebiet, in dem viel Fleisch produziert wird. Wir haben dort den Fehler gemacht, die Hecken einzureissen und viel zu viel Gülle zu verwenden. Jetzt haben wir kaum noch Insekten, die die Pflanzen bestäuben, und weniger Vogelarten. In den letzten Jahren hat sich das etwas geändert, weil die Landwirte mit der Energiewende andere Einkommensquellen erhielten. Sie konnten mit Biogasanlagen, Solaranlagen und Windrädern Geld verdienen und mussten nicht mehr zwingend jeden Acker bebauen. Das hat der Natur gut getan. Im Norden Deutschlands, wo viele Windräder stehen, ist die Artenvielfalt der Vögel gewachsen. Auch die Zahl brütender Seeadler und Fledermäuse ist grösser geworden.

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch


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