«Der Gletscher formte die Hügel»

EISZEIT ⋅ Gletscherforscher Gerhart Wagner hat eine Erklärung für die rätselhaften Steinhügel im Bodensee. Mit Pfahlbauern hätten sie nichts zu tun. Die Steinhügel seien eine Hinterlassenschaft des Rheingletschers.
11. Februar 2017, 08:00
Silvan Meile

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Seit Geologen des deutschen Instituts für Seenforschung in Langenargen im Herbst 2015 bei Vermessungen auf dem Seegrund zahlreiche Steinhügel entdeckten, wird über ihre Entstehung gerätselt. Sie sind auf einer Länge von fast 20 Kilometern von Romanshorn bis Bottighofen relativ regelmässig angeordnet im Uferbereich.

Gerhart Wagner, was sind das für Steinhügel auf dem Grund des Bodensees?

Durch eine Bekannte aus Tägerwilen kam ich in den Besitz des Zeitungsartikels über die Hügel. Die Steinhaufen auf dem Seegrund haben nichts mit den Pfahlbauern zu tun, sondern mit dem Rheingletscher. Für mich besteht kein Zweifel: Das sind Moränenhügel. Ich befasse mich bereits lange Jahre zusammen mit dem im Thurgau bestens bekannten Professor René Hanke mit diesem Thema. Diese Hügel sind eine schöne Bestätigung des Mittelmoränenmodells, das zahlreiche bisher rätselhaft gebliebene eiszeitgeologische Fakten zu erklären vermag.

Wie sind denn die Hügel entstanden?

Der Rheingletscher setzte sich aus zahlreichen aus den Bündner Tälern stammenden Teilgletschern zusammen, zwischen denen sich Mittelmoränen gebildet haben. Wie auf einem Fliessband transportierte das Eis dort auf einem Moränenstrang Gesteinsmaterial mit. Vor etwa 15 000 Jahren schmolz der Rheingletscher ins Alpeninnere zurück. Dieser Rückzug geschah zumindest an dieser Stelle offensichtlich nicht kontinuierlich, sondern mit Zwischenhalten und Vorstössen. Die Fliessbewegung des Gletschers bliebt aber auch während eines Rückschmelzens erhalten. Sie beträgt bei heutigen Gletschern 50 bis 200 Meter pro Jahr.

Das Fliessband häufte dort Steine an, wo der Gletscher Stillstände einlegte?

Wo die Mittelmoränen als Schuttförderbänder das Ende des Gletschers erreichten, setzten sie den Schutt ab. Gab es also beim Rückzug des Gletschers eine Verlangsamung oder gar einen Stillstand, so häuften sich die Steine zu ­Hügeln an. Die im Zeitungsartikel genannten, regelmässig angeordneten Hügel, die sich auf dem Seegrund 250 Meter vom Ufer entfernt von Romanshorn bis Bottighofen erstrecken, passen genau in dieses Bild. Diese Hügel sind aber deshalb ein spezieller Fall, weil es Ministrukturen sind.

Die Steine sind alle ähnlich gross, machen einen handverlesenen Eindruck. Kann das wirklich sein?

Moränen können Gesteinsmaterial von jeder Korngrösse enthalten, vom Sandkorn bis zu grossen Blöcken. Wie sich dies im Einzelfall verhält, hängt von den verschiedenen Verhältnissen an ihren Entstehungsorten im Gebirge ab. Die Steine liegen nun seit tausenden von Jahren auf dem Seegrund. Das feine und kleine Material wurde vielleicht durch Wasserbewegungen weggeschwemmt, die grossen Steine sind aber bis heute aufeinander liegen geblieben. Die Hügel lagen schliesslich auch schon gute 10 000 Jahre an ihrem Platz, bis nur schon die Pfahlbauer die Ufer besiedelten und vor 3600 Jahren das Holz schlugen, das im Bereich dieser Hügel gefunden wurde. Es ist anzunehmen, dass es auf dem Seegrund noch weitere solcher Moränenhügelreihen gibt, nur sind sie wohl längst von den Seesedimenten der Nacheiszeit verdeckt.

Haben Sie an anderen Orten vergleichbare Hügelbildungen gefunden?

Solche Ministrukturen habe ich tatsächlich noch nirgends entdeckt. Oftmals sind es grosse Strukturen. Im Berner Seeland beispielsweise. Dort sind namhafte Hügel bis über 50 Meter hoch und Teil der Landschaft geworden. Eine Mittelmoränenbildung mitten in der Stadt Zürich ist nach Professor Hantkes und meiner Auffassung der ganze Hügel Lindenhof, aber auch die vier Kilometer lange und 43 Meter hohe Insel Reichenau im Untersee. Bei diesen Hügeln im Bodensee sehen wir möglicherweise nur «die Spitze des Eisbergs». Die Moränen wurden nicht auf dem heutigen Seegrund abgesetzt, sondern auf dem Felsuntergrund. Dazwischen dürfte viel Seesediment aus mehr als 10 000 Jahren liegen.


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