Adieu, Herr Doktor

WÄNGI ⋅ Während rund 32 Jahren betrieb der Hausarzt Karl Frehner seine Praxis im Dorf. Heute tritt er in den Ruhestand und übergibt seine Geräte und Akten einer Gemeinschaftspraxis.
30. September 2017, 05:19

«Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin, denn mit 66 Jahren, da fängt das Leben an», der Song von Udo Jürgens wird für den Hausarzt Karl Frehner ab heute Samstag nun zur Realität. «Arbeiten war mein Hobby. Doch nun freue ich mich, meine beiden Enkel Elina (5) und Livio (3) vermehrt zu betreuen. Der kleine Livio will natürlich auch einmal Doktor werden und er hilft mir in der Praxis, wo er kann, und wenn er nur die Liege rauf und runterlässt», lacht Frehner. Zuerst absolviert Karl Frehner ein «Haushaltlehrjahr», die Rüebli-RS bei seiner Gattin Hedi. Auf alle Fälle werde es ihm nicht langweilig werden, da sei noch der Garten, wo allerlei Gemüse gedeihe, erklärt er.

Matzingen übernimmt Patienten

Seit 1985 betrieb Allgemeinmediziner Karl Frehner eine Arztpraxis in seinem Einfamilienhaus in Wängi, seine Frau Hedi stand ihm immer zur Seite. «Ich war Mädchen für alles», lacht sie. Die Medizinischen Praxisassistentinnen Patricia Straub und Eva Reusser, wie auch Assistenzärztin Friederike Kramer bildeten zusammen das Arztpraxisteam. «Leider fand ich nach sechsjähriger intensiver Suche keinen Nachfolger», sagt der Mediziner. Viele junge Ärzte, besonders Frauen, wollen Teilzeit arbeiten und das sei als Hausarzt mit eigener Praxis unmöglich. Die neue Gemeinschaftspraxis Mühli in Matzingen sei eine gute Lösung für seine Patienten. Die Praxis ist für vier Ärzte ausgelegt. «Im Ärztezentrum werden vorerst nur 2,5 Stellen besetzt», sagt Petra Geiser, Geschäftsführerin der Schlossberg Ärztezentrum AG in Frauenfeld, Betreiberin der Gemeinschaftspraxis in Matzingen. Eine zweite Möglichkeit besteht für Frehners Patienten, beim Wängemer Hausarzt Michael Diel aufgenommen zu werden.

Bei der Bevölkerung sehr beliebt

Karl Frehner war zehn Jahre Leiter des Ärztequalitätszirkels und drei Jahre Präsident des Ärztevereins Hinterthurgau. «Da sind gute Kontakte entstanden», sagt er. Der Hausarzt war bei der Bevölkerung sehr beliebt. Er behandelte 130 bis 180 Patienten pro Woche. Aus den vielen Kontakten und Begegnungen sind echte Freundschaften entstanden. Bei Frehner war man auch bei Notfällen beim richtigen Mann. «Ich lasse sie nicht mehr los», sagte ihm diese Woche eine 94-jährige Patientin und hielt seine Hände fest umschlossen. Diese Kontakte werden ihm fehlen, auch die Patienten werden ihn vermissen. «Ich war überwältigt von den eindrücklichen Zuwendungen und Wertschätzungen seitens meiner Patienten», sagt Frehner. Zum Abschied habe er viele Briefe und Karten erhalten, das freue ihn sehr. Bis gestern Mittag hat der Wängemer Doktor einige seiner Patienten behandelt. Heute Samstag wird er die vielen Akten, Gerätschaften wie einen Apparat für Elektrokardiogramm EKG, Lampen und einige chirurgische Instrumente in die Gemeinschaftspraxis nach Matzingen bringen. Dann beginnt der Ruhestand – oder Unruhestand – wie man so sagt.

 

Maya Heizmann

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch


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