Kreative Frustration

STECKBORN ⋅ Bei der Künstlerin Judit Villiger im Haus zur Glocke stehen künstlerische Zwischentöne hoch im Kurs. Die neue Ausstellung trägt den Titel «Raum im Raum im Raum». Fünf Kunstschaffende zeigen ihre Werke.
28. November 2017, 08:02
Margrith Pfister-Kübler

Margrith Pfister-Kübler

unterseerhein

@thurgauerzeitung.ch

Beim Ausstellungs-Eröffnungswochenende stand viel auf dem Programm. Bereits am Samstag wurde die Ausstellung mit Arbeiten von Nora Schiedt, Jürg Hugentobler und JocJonJosh eröffnet und abends mit einem Konzert im Turmhof-Foyer von Daniela Weinmann, Sängerin von Odd Beholder, kontrastiert, kulinarisch angereichert mit einer «Black Hole Soup». Drei verschiedene künstlerische Positionen sind in dieser Ausstellung zusammengekommen.

«Wenn man sich länger mit einem Bild beschäftigt, durchschaut man es eher», sagt Judit Villiger bei ihrer Führung am Sonntag. Sie ist künstlerische Leiterin und Besitzerin des «Hauses zur Glocke», das Haus an der Seestrasse 91, das Haus mit den schrägen Böden und Wänden und den spannenden Zugängen.

Verpackungsmaterial wird zu einer Illusion

Die neue Ausstellung verdient die selten gerechtfertigte Bezeichnung grossstädtisch. Da wird nicht auf schnelle Effekte hingearbeitet. Im Parterre lohnt sich der Blick zur Decke, selbstverständlich ist sie schräg. Holzelemente, eine hängende Bühnenkunst, lehren die Vereinbarkeit von Schrägem mit routinierter Eckigkeit. Und dann sind da die Fotografien von Jürg Hugentobler, einem Weinfelder, die sich modern und bei näherem Hinsehen geradezu revolutionär gebärden. Da wurde Styropor, Verpackungs- und Isolationsmaterial, so analog fotografiert, dass sie dem Betrachter ein Schnippchen schlagen, Illusionen herstellen. Bei näherem Hinsehen wird klar, mit welch einfachen Mitteln der Künstler das Styropor aus seiner Rolle heraustreten lässt und architektonische Ein- und Durchblicke schafft. Auf der nächsten Ebene begegnet der Besucher den Werken von Nora Schiedt. Malereien von Gebautem und Natur. Bilder, die sich bei näherem Hinsehen als der willkürliche Reiz des Genauhinguckens erweisen. Zu denen man die persönlichen Hinweise durch Judit Villiger gerne hinnimmt, dass sich hier wieder jemand der Malerei widmet. Schiedt war einst Schülerin von Judit Villiger.

Ein geradezu hämmernder Anspruch an den Dialog setzen Joschi Herczeg, Joc Marchington und Jonathan Brantschen mit ihren metaphorischen Bildern. Sie haben es mit «schwarzen Löchern», mit Grabungen, arbeiten als Trio, lösen untereinander Schockwirkung und kreative Frustration aus. Die Künstler führen ihre «naive Idee» eindringlich vor Augen. Land-Art: Mit Stampflehm entstand ein Totem. Erklärt wird, wie diese mythische Verbindung von Sein und Werden einer «sinnlosen Untersuchung» und zusammen verbrachte Zeit wie ein absurdes Theater das Bewusstsein von unten nach oben verkehrt.

Die drei Künstler verschmähen es nicht, mit kreativer Hand nach Effekten zu greifen, untersuchen Sinnlosigkeit, überwinden Frustration, um Sinn zu angeln. «Absurde Gespräche sind plötzlich wichtig», so Joschi Herczeg und zeigt sich des Mitgefühls der Besucher sicher.

«Es gibt einen anderen Look auf die Werke»

Judit Villiger identifiziert die Ausstellung mit dem Hintergrund der Glocke, nämlich Arbeit. Jede Arbeit sei wie ein Echo vom andern. «Wie kommt man in die Bilder ohne Erklärung?», wollte ein Besucher wissen. Existenzielle Hab-Acht-Stellung? «Man braucht Informationen. Konversation, die zurückkommt, dann gibt es einen anderen Look auf die Werke», sagen die Künstler.


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