Gesang trotzt vielen Krisen

BERLINGEN ⋅ Am 5. Mai organisiert der Männerchor ein Fest für sein 150-Jahr-Jubiläum. Der Chor blieb selbst während der Weltkriege bestehen, als viele Sänger einrücken mussten.
14. April 2018, 05:20
Samuel Koch

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Die tiefste Krise durchlebte er in den 1940ern während des Zweiten Weltkriegs. Weil viele der Sänger des Männerchors Berlingen ihren Dienst an der Grenze zu erfüllen hatten, waren an den wöchentlichen Proben zeitweise nur zwei, drei Sänger anwesend. «Dann reichte es wohl nur zu einem schwachen vierstimmigen Gesang», meint Emil Spiess ironisch. Alleine die Tatsache, dass Spiess von 1980 bis 1992 den Berlinger Sängern vorstand und seit 2012 wieder den Männerchor präsidiert, zeigt die nicht immer einfache Zeit der Sänger vom Untersee. «Oft sind Präsidenten notgedrungen eingesprungen», sagt Spiess. Erwähnen will er hier auch Heinrich Kasper, der den Chor fast ein Vierteljahrhundert leitete oder dessen Sohn und alt Gemeindeammann Heinz Kasper, der ebenfalls die Leitung in einer schwierigen Zeit übernahm.

Schon bei der Gründung des Chors 1868 galt im damaligen 300-Seelen-Dorf am Untersee das Motto «nit lugg loh – zäme­stoh!», das sich laut Emil Spiess bis heute bewährt hat. Nebst dem Ziel, die Gemeinschaft zu fördern und das kulturelle Leben der Gemeinde zu bereichern, führte der Gesang zu vielen Freundschaften – auch über die Landesgrenzen hinaus, etwa zum Männergesangsverein Badenia Reichenau. «Trotz der stramm verschlossenen Grenze musste während des Ersten Weltkriegs nur einmal ein gemeinsamer Anlass ausfallen», erzählt Spiess.

Ein lebendiges Ferkel als Glücksbringer

In der Zeit nach den Kriegen erholte sich der Mitgliederbestand. Zeitweise wirkten im Männerchor über 30 Sänger von Jung bis Alt mit. Auch die Pflege der Kameradschaft untermauerten Auftritte am 1. August, an Weihnachten oder Reisen an Sängertage in der ganzen Schweiz. «Vielleicht hat uns auch das Geschenk zum 100-Jahr-Jubiläum so lange am Leben erhalten», meint Spiess. Denn 1968 schenkte die Familie Künzli vom Neutal dem Männerchor ein lebendiges Ferkel, das als Symbol des Glücks und des Weiterbestandes des Männerchors angesehen wurde.

Noch heute trifft sich eine Handvoll Sänger immer mittwochs zu gemeinsamen Proben. «Wir üben jeweils für unsere noch zehn bis zwölf Auftritte im Jahr», sagt Spiess. Seit 2001 spannt der Männerchor Berlingen wegen drohender Überalterung seiner Mitglieder mit dem Partnerchor aus Raperswilen zusammen und darf seit kurzem auch auf die Dienste der Dirigentin Martina Junker zählen. «Ob es je zu einer Fusion kommt, wissen wir nicht», meint Spiess. Seit Jahren versuche der Chor, neue Mitglieder zu gewinnen. «Wer sich interessiert, darf jederzeit zu einer unserer Proben kommen», schwingt Spiess die Werbetrommel. Jetzt freut er sich mit seinen Sängerkameraden aber auch auf die bevorstehenden Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen am kommenden 5. Mai. «Wir stellen ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine», sagt Spiess. Nebst viel Musik und Gesang des Jubilarenchors gastieren unter anderem auch die Musikgesellschaft Berlingen, der Männerchor aus Mammern sowie der Männerchor und der Kirchenchor aus Ermatingen in der Unterseehalle. Zudem läuft eine Diashow mit Erinnerungsstücken der langjährigen Geschichte.

Hinweis

Jubiläumsfeier 150 Jahre Männerchor mit Musik und Gesang, Sa, 5. Mai, ab 19 Uhr, in der Unterseehalle Berlingen. Der Eintritt ist frei, es wird eine Kollekte geführt.


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