Der wehmütige Prediger

08. November 2017, 05:20

Paradox. Er verlangt etwas, das er selber nur schwer einlösen kann. «Imame müssen besser Deutsch sprechen», sagt Sami Misimi. Das sagt der 61-jährige Imam der Islamischen Gemeinschaft Frauenfeld jedoch auf Albanisch. Misimi schämt sich dafür. Sein Blick schweift ins Leere, wenn es um seine Deutschkenntnisse geht. «Manchmal bin ich traurig, dass ich mich in Deutsch nicht ausdrücken kann», übersetzt Ilham Mustafi. Das sei für eine gute Integration vonnöten, gibt Misimi zu verstehen. Ebenso entstünden weniger Misstrauen und Ängste in der Bevölkerung. Einerseits verstehe er sie durch ständige Negativberichterstattungen zum Islam in den Medien. Andererseits gebe es keinen Grund, misstrauisch gegenüber den Frauenfelder Muslimen zu sein. «Mit sauberen Händen hast du keine Angst, etwas anzufassen», besage ein albanisches Sprichwort.

Vielleicht helfe ihnen ja auch die neue Moschee, um den Leuten den wahren Islam zu zeigen, hofft Sami Misimi. Demütig weist er darauf hin, dass die neuen Gebetsräume wohl nicht mehr für ihn, sondern für die nächste Generation geschaffen werden. Sie seien aber nicht nur eine Errungenschaft für die Muslime, sondern auch für die Stadt Frauenfeld, wo sich Misimi wohlfühlt und gegenüber der er sich dankbar zeigt. Die Ernsthaftigkeit in seinem Gesicht weicht einem Lächeln.

Grosse Verantwortung vor Gott und den Mitgliedern

Vor rund 15 Jahren kam Sami Misimi als Imam aus Mazedonien in die Schweiz. Nach der Grundschule besuchte er fünf Jahre die Theologenschule in Pristina, im heutigen Kosovo, ehe er in Sarajewo Theologie studierte. Danach habe er in Kairo zwei Jahre Arabisch gelernt. Er ist verheiratet, einer seiner beiden Söhne lebt in der Schweiz, einer in Mazedonien. Jährlich reist er in seine Heimat, freue sich aber, immer wieder in die Schweiz zurückzukehren. «Ich bin sehr dankbar, dass ich hier leben kann», sagt Misimi. Als Imam trägt er eine grosse Verantwortung, «vor Gott und den Mitgliedern der Gemeinschaft», wie er sagt. Oftmals sei er fast mehr Psycho- denn Theologe, wenn vor und nach den Gebeten viele das Gespräch mit ihm suchten, um über Alltägliches zu sprechen. Schmunzeln.

Fünfmal täglich – je nach Tageszeit unterschiedlich lang – predigt Misimi aus dem Koran. Bei seinen Vorbereitungen versucht er, aktuelle Themen wie die Veränderungen durch die junge Generation einzubauen. Wie bei anderen Religionen gehe es darum herauszufinden, wie man mit dem Glauben lebe. Konfrontiert man Misimi mit Anschuldigungen, winkt er ab. «Gegner gibt es doch überall und gegen alles.» Er hofft, dass der Islam so gesehen werde, wie er sei, nicht wie er projiziert werde. Misimis Lohn bezahlen die Mitglieder der Gemeinschaft, der Verein ist quasi sein Arbeitgeber. Die Stadt stellte ihm eine Arbeitsbewilligung aus. Obwohl das Geld gerade so zum Leben reiche, spendete er wie viele andere Geld für die neue Moschee. In seiner wenigen noch verbleibenden Freizeit liest er oft, schaut fern oder versucht, sich mit Bewegung fit zu halten. Am meisten freut er sich, mit der Moschee etwas Positives zu hinterlassen, wenn er sich bald in den Ruhestand verabschieden wird. Eines aber bereut er: «Wäre ich heute 25 Jahre alt, würde ich mein Geld in Sprachkurse investieren.» (sko)


Leserkommentare

Anzeige: