Der Gesamtkunstwerker

FRAUENFELD ⋅ Gianni Kuhn kennt Paris wie seinen Hosensack. Seine Fotografien scheinen aus der Zeit gefallen, wie sie die leise Melancholie der Stadt einfangen. In der Baliere ist aber noch mehr zu sehen – und zu hören.
11. April 2018, 05:21
Dieter Langhart

Dieter Langhart

dieter.langhart@thurgauerzeitung.ch

Zwei Mal jedes Jahr zieht es das Künstlerpaar Gianni Kuhn und Simone Kappeler nach Paris, so viel gibt es da wiederzusehen und neu zu entdecken. Jetzt schafft er in der Stadtgalerie Baliere aus seinen fotografischen Streifzügen ein kleines Paris. Das Paris, wie Kuhn es sieht, wird im Auge des Betrachters zu seinem eigenen Paris. Die Ausstellung heisst «Paris, weiter», ebenso ein Buch mit einer Auswahl der Aufnahmen – und es spinnt den Faden weiter, den der Schriftsteller in seiner «Trilogie des Verschwindens» ausgelegt hat.

Von wem stammen die Schwarzweissaufnahmen?

Eine von Kuhns Romanfiguren, die junge Fotografin Anna Derungs, zeigt ihre Bilder gleich im ersten Raum: nostalgisch in Schwarzweiss, aber auch experimentell mit Solarisierungen, also Tonwertverschiebungen. Zwei Aufnahmen haben Umschlagmotiv und Titel ihres Bildbandes geliefert: die Louvre-Pyramide und der Schriftzug «Bye-bye Paris». Gibt es Anna Derungs also doch?

«Ich steckte in einem Dilemma», sagt Gianni Kuhn, «darum habe ich sie als Gast in meine Ausstellung eingeladen.» Sie ermöglicht dem Künstler, wie ein Alter Ego, einen Freiraum – die Möglichkeit, unterschiedliche fotografische Sichtweisen auf die Stadt zu zeigen. «Das ist nicht einfach mit einer bekannten Fotografin als Frau.» Auf der Aufnahme «Austern im La Coupole» ist Simone Kappeler am Tisch zu sehen, aber ohne Gesicht.

Gianni Kuhn fotografiert in Farbe. Seine Bilder – obwohl sie oft spontan, aus dem Augenblick heraus entstehen – sind von einer Zeitlosigkeit fernab jeder Hektik. Manche sind wie Stillleben: ein Aschenbecher voller Zündhölzer, das Licht im Lesesaal einer Bibliothek, Barhocker im TGV, der Tisch in einer Galerie. Oft ist ein leiser Humor da: der abblätternde Schriftzug auf der Tür eines Waschsalons, Farbkleckse auf einer Strasse, ein ramponierter Kotflügel. Kuhn spielt mit Form, Unschärfe und Spiegelungen, die Farben sind oft gebrochen. Er hängt ganze Klangreihen aus Bildern, ist nicht wie im Begleitband auf Doppelseiten beschränkt.

Wie ein Reporter nutzt Gianni Kuhn alle Medien

Auf seinen Streifzügen mit Kamera und Aufnahmegerät sieht Gianni Kuhn nach, ob und wie Quartiere sich verändert haben. Das Bild- und Tonmaterial dient ihm dann als Versuchsanordnung für die Projekte, die über Lyrik- und Prosabände hinausreichen.

Im Kellergewölbe hat er ein «labo argentique» eingerichtet, mit roter Glühbirne, noch im Wasser schwimmenden und bereits an der Wand hängenden Abzügen. «Die Dunkelkammer ist das Herzstück der Ausstellung», sagt Kuhn. Hier geht es um die Frage: Was wähle ich aus und warum? Dazu läuft eine Tonspur, eine Collage aus Sprachfetzen, Strassengeräuschen und Kuhns eigener Gitarren- und Pianomusik, die zu Songs werden könnte – der Raum wird zugleich zum Tonstudio. Im hintersten Raum sodann läuft ein kurzer Film: Parkieren auf engstem Raum, vom Hotelzimmer aus beobachtet.

«Der sechste Raum ist ein Buch», sagt Kuhn. Im Roman «Mein Café auf der anderen Seite der Seine» beobachtet ein Student eine lesende Unbekannte. Er traut sich nicht, sie anzusprechen und schreibt einen Roman, in dem just diese Frau auftritt. Gianni Kuhn fragt erneut: «Findet die Wirklichkeit nicht vor allem in unserem Kopf statt?»

Hinweis

Vernissage: Do, 12.4., 19 Uhr,

Stadtgalerie Baliere; bis 29.4.,

Fr 17–20, Sa/So 12–16 Uhr

Buchpräsentation: 29.4., 11 Uhr


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