«Such Chnolleli, Ronja, such!»

Auch in den Schweizer Wäldern nördlich der Alpen wachsen Trüffel, eine der teuersten Köstlichkeiten. Regelmässig auf Trüffelsuche begibt sich der Gerliker Matthias Steudler – assistiert von seiner Hündin.
08. Oktober 2012, 01:34
BEAT W. HOLLENSTEIN

GERLIKON. Trüffel im Thurgau? Ja, das gibt's. Fündig geworden ist zum Beispiel Matthias Steudler aus Gerlikon. Allerdings findet er hier nicht den sündhaft teuren Alba-Trüffel, das Kilo bis zu 25 000 Franken, oder den französischen Périgord-Trüffel, sondern vor allem Sommer- und Wintertrüffel sowie Burgundertrüffel. Immerhin, je nach Qualität erzielen diese Kilopreise zwischen 600 und 800 Franken.

«Such Chnolleli, Ronja, such!» Matthias Steudler hat die zweijährige Hündin von der Leine gelassen, sie wetzt los, und schon bald beginnt sie schwanzwedelnd im Waldboden zu scharen. Ronja ist fündig geworden, und schnell eilt Steudler herbei, um ihr die Delikatesse wegzuschnappen. Denn sie ist eine Feinschmeckerin und hätte den Trüffel liebend gern selbst weggeputzt. Doch eine Belohnung kriegt sie trotzdem: ein Stück Cervelat.

Erstklassiger Geruchssinn

Ronja ist ein Lagotto-Romagnolo, eine Hunderasse, die aus der Po-Ebene stammt und ursprünglich als Wasserjagdhund abgerichtet wurde. «Seine Aufgabe war das Auffinden und Apportieren von geschossenem Wasserwild», erklärt Steudler. Ronja besitzt ein vielfältig gefärbtes, eng gelocktes Fell. Laut Steudler haben die Lagottos, so verspielte und aufgeweckte wie arbeitseifrige Hunde, einen grossen Vorteil: «Sie haaren nicht.» Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden sie wegen ihres ausgezeichneten Geruchssinns als Trüffelsucher eingesetzt.

Natürlich, wir befinden uns nicht an einem Trüffelstandort, sondern auf einem Übungsplatz bei Gerlikon, den Steudler am Vortag mit Burgundertrüffeln präpariert hat. Zum einen, weil der Trüffeljäger seine Plätze keinesfalls preisgeben will, andererseits müsste man doch weite Wege gehen, um im Thurgau erfolgversprechende Plätze zu finden.

Tägliches Training nötig

Der 58-Jährige bezeichnet sich und seinen zweijährigen Hund als Anfänger. Man müsse viel investieren, Zeit und Geld. «Tägliches Training ist angesagt, und jährlich fallen bis zu 4000 Franken an Kosten an.» Bis ein Hund begreife, was man von ihm wolle, und zuverlässig auf Trüffel anspreche, würden zwei, drei Jahre vergehen. Steudlers Ziel ist es, irgendwann so viele Trüffel, auch schwarze Diamanten genannt, zu finden, dass «wenigstens die Unkosten gedeckt sind».

Ausgleich zur Arbeit

Der Traum hiesiger Schatzsucher, vom Trüffelsuchen reich zu werden, wird sich kaum erfüllen. «Leider findet man die Trüffel in unserer Region nicht gleich kiloweise», bedauert Steudler. Seine bisherigen Funde – das höchste der Gefühle war eine Handvoll Pilze, vielleicht zweihundert Gramm – deckten allenfalls den Eigengebrauch. «Über Knöpfli gerieben schmeckt er uns am besten», sagt Hobbykoch Steudler.

Seit seinem 17. Altersjahr streift der in der Stadt Zürich aufgewachsene Matthias Steudler auf der Suche nach Pilzen durch die Wälder. Heute ist ihm das Pilze suchen Ausgleich zur Arbeit als Psychiatriepflege-Fachmann in der Clienia Littenheid. Nie wäre ihm das Hobby verleidet, «man entdeckt jedes Jahr Exemplare, die man vorher noch nie gesehen hat». Zwischenzeitlich präsidierte Steudler während sieben Jahren den Verein für Pilzkunde Thurgau. Seit 16 Jahren lebt er mit seiner Frau Christine in Gerlikon; der Ehe entsprossen zwei inzwischen erwachsene Söhne.

Noch vor den Trüffeln schätzt er frische Steinpilze, «möglichst einfach zubereitet mit Salz und Pfeffer, im Olivenöl kurz angebraten. Über Salat oder als Beilage ein Gedicht», schwärmt der Gourmet und schnalzt genüsslich mit der Zunge.

Nach dem Tod des Schäfermischlings Kyra, der der Familie während 14 Jahren ein treuer Begleiter war, wollte Matthias Steudler eigentlich keinen Hund mehr. Doch seine Frau Christine insistierte und schlug einen Lagotto vor. So liessen sich beider Hobbies, Hunde und Trüffelsuchen, ideal verbinden, argumentierte sie.

Bald stiess Ronja zur Familie, vor einem halben Jahr kam Sam dazu. Der halbjährige Lagotto befindet sich im Flegelalter, weshalb er sich beim Üben noch auf eigene Faust als Schatzsucher betätigen darf. Aber viel lieber spielt er mit einem «Dummy» – das ist eine nach Trüffel riechende Handpuppe in Form eines Hundes, die sich Frauchen und Herrchen zuweilen überziehen, um Sam auf den Geschmack zu bringen.

«Man muss den Boden lesen»

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete, weiss Steudler. Mittels geologischer Spezialkarten ermittelt der Trüffler pilzträchtige Orte, Waldränder, die mit Eichen, Buchen und Haselnuss bestanden sind. Die Böden sollten zudem kalkreich und nicht sauer sein. «Man muss den Boden lesen, um Erfolg zu haben. «Durch die Eingrenzung des Suchgebietes wird auch Ronja nicht überfordert, denn ihre Aufmerksamkeitsspanne beträgt eine knappe halbe Stunde.» Dann ist wieder Spielen und freies Laufen angesagt.


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