Sauglattismus am Talbachkreisel

20. Januar 2016, 08:20
Stefan Hilzinger

Frauenfeld. Wasser hat die Eigenschaft, dass es gelegentlich zu Eis gefriert. So geschehen in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Ja, es ist Winter in der Stadt. In Zeiten mit bald ganzjährigem T-Shirt-Wetter ein Ereignis, ein Medienereignis.

Sauglatt war es besonders am Talbachkreisel, wo sich zwischen zwei Uhr und dem Morgengrauen schier Unvorstellbares abspielte. Kameramann Beat Kälin, der rasende Reporter aus Frauenfeld, hat es für die Nachwelt festgehalten. Ein Auto fährt auf den Kreisel zu, nicht mal besonders schnell, in der Kurve kommt es ins Schlingern, knallt in die Rabatte. Weitere Autos folgen. Es chlöpft und tätscht.

*

Halb drei Uhr war's in der Sonntagnacht, als Beat Kälin von Zürich her zurück nach Frauenfeld fährt. Ein Garagenbrand an der Winterthurerstrasse hatte ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Retour von seinem nächtlichen Einsatz sieht er von der Häberlinstrasse her beim Talbachkreisel drei Autos mit eingeschalteten Warnblinkern. «Ächt en Unfall?», fragt sich Kälin, der News-Reporter. Als erstes informiert er die Polizei. Die verspricht, eine Patrouille zu schicken, was aber nicht eilt, denn es gab offensichtlich bloss Blechschaden. Kälin bleibt und filmt mal aufs Gratwohl. Wer weiss, was sich auf dem Talbach-Eis noch so alles abspielen wird?

*

Heute weiss es die halbe Welt. Dank eines Filmes von anderthalb Minuten Länge, gepostet auf der Facebook-Seite von Tele Züri. Zu den Klängen des Schneewalzers knallt mal einer in den Kasten mit dem Streusalz, dann ein anderer in den Metallständer, an dem bis vor kurzem noch der Wegweiser «Rübentransport» hing.

Bis gestern ist der Film 280'000mal angeklickt worden, so viel wie bisher kein anderer Beitrag auf der Facebook-Seite des Zürcher Privatsenders. Er werde laufend weiter geteilt, sagt Kälin. Auch in Deutschland werde der Spott-Spot aus Frauenfeld angeklickt und kommentiert. Ja, wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen. «Thurgauer crashen reihenweise in eisglatten Kreisel», titelte «blick.ch» gestern. «Es sind immer wieder auch Autos ohne Probleme durch den Kreisel gefahren», sagt Kälin. Er berichtet davon, wie auf einem Balkon Schaulustige es sich mit Wolldecken bequem gemacht haben und applaudierten, wenn's wieder mal krachte. «Sie haben mir sogar einen heissen Tee vorbeigebracht», sagt Kälin, der bis gegen 5 Uhr am Kreisel stand.

*

Ja, die Normalität im Strassenverkehr in einer kalten Winternacht hat schon etwas für sich. Für Zürcher ein gefundenes Fressen, wenn im Thurgau einige Autofahrer bei Glatteis in die Rabatte knallen.

Und auf der Facebook-Seite «Du bisch vo Frauefeld, wenn…» tun sich seit Sonntag frostige Gletscherspalten auf. Die einen finden, der Kameramann hätte gescheiter einen Kübel Salz geholt und den ahnungslosen Autofahrern geholfen. Unterlassene Hilfeleistung sei das. Andere wiederum meinen «Selbst schuld, die Deppen». Auch der Stadtpräsident schaltet sich in die Diskussion ein, stellt klar: Da ist im Fall auch ein Räumfahrzeug vorbeigefahren und hat Salz gestreut. Genau – im Spott-Spot nach einer Minute und 15 Sekunden.

Schadenfreude ist bekanntlich die grösste Freude. Und lachen ist gesund. Ist doch schön, wenn eine Frauenfelder Frostnacht zur Psychohygiene so vieler Menschen beigetragen hat. Einer der 75 Kommentare auf Facebook lässt aber doch aufhorchen: «Scheisse, fast wie z'Winti», schreibt einer, nachdem er den Film gesehen hatte.


3 Leserkommentare

Anzeige: